»Rudolfs tragischer Tod war der Beginn der modernen Welt« Interview mit Oedo Kuipers

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blickpunkt musical: Lieber Herr Kuipers, die Proben haben gestartet. Wie haben Sie sich dieser besonderen historischen Rolle im Vorfeld genähert?

Oedo Kuipers: Ich habe natürlich sehr viel gelesen, angeschaut und gehört – und versucht, mich als moderner Mann in ihn hineinzuversetzen: wie er gedacht hat, wie er sich gefühlt hat.

blimu: Frank Wildhorn, eine Broadway-Legende, hat die Musik für dieses Stück komponiert. Was macht sie mit Ihnen?

OK: Die Musik von Frank Wildhorn empfinde ich als sehr filmisch – und ich liebe Filmmusik. Für mich ist Musik immer der erste Zugang, wenn ich mich für etwas begeistere. Bei Rudolf war das sofort klar: Ja, das ist es. Das ist so schön.

blimu: Noch sind Sie mitten im Probenprozess, gibt es schon einen Song, der Sie am meisten berührt?

OK: Ja, den gibt es. Es ist vielleicht schon mein Lieblingssong – ein sehr trauriger Moment, in dem Rudolf wirklich am Boden ist und sich fragt, wie sein Leben wäre, wenn er kein Prinz wäre. Er flüchtet sich in Gedanken. Das finde ich sehr schön.

blimu: Sie arbeiten hier mit einem internationalen Kreativteam – Englisch, Deutsch, Wienerisch. Wie erleben Sie diese Zusammenarbeit?

OK: Das kenne ich aus einigen Produktionen und ich liebe es. Man hört hier viel Österreichisch, weil viele Österreicher im Team und in der Besetzung sind. Und ich habe zum Glück auch einen Niederländer im Cast – da kann ich manchmal in meiner eigenen Sprache mitreden. Verschiedene Einflüsse finde ich immer bereichernd.

blimu: Das Festspielhaus Neuschwanstein kennen Sie schon länger – Sie haben sogar bei der Wiedereröffnung Ludwig gespielt. Wie erleben Sie diesen Ort? Beeinflusst die Atmosphäre auch Ihre Arbeit an der Rolle?

OK: Ludwig und Rudolf waren verwandt, und da ich Ludwig bereits spielen durfte, nehme ich sicher einiges davon mit in Rudolf. Über Sissi gibt es da natürlich auch Verbindungen. Gleichzeitig ist es eine andere Generation – das spürt man deutlich. Was mich besonders bewegt: Ich bin jetzt ungefähr so alt, wie Rudolf es war. Hier zu proben, mit Schloss Neuschwanstein direkt vor Augen – ich frage mich manchmal, ob Rudolf vielleicht selbst hier war, ob er hier spazieren gegangen ist und seinen Gedanken freien Lauf gelassen hat. Ob das stimmt oder nicht – es ist ein schöner Gedanke.

 

blimu: »Rudolf – Der letzte Kuss« ist eine sehr emotionale, tragische Geschichte. Wie halten Sie diese Intensität Abend für Abend lebendig?

OK: Für mich geht das immer zuerst über die Musik – sie trägt das Stück. Und dann versuche ich, jeden Abend neu zu schauen: Wo führt es mich heute hin? Welche Geschichte kann ich heute noch ein bisschen mehr erzählen? Ich versuche, wirklich in dem Moment zu sein.

blimu: Sie arbeiten hier an einer Deutschlandpremiere, einer Neuinszenierung eines weltbekannten Stücks mit einem weltbekannten Komponisten. Spüren Sie dadurch einen gewissen Druck?

OK: Den Druck gibt es immer – und ein bisschen mag ich ihn sogar. Aber wenn man wirklich in die Geschichte eintaucht, vergisst man ihn. Erst nach der Premiere denkt man: Ach ja, das war eine Premiere. So erlebe ich das zum Glück. Es macht mir einfach Spaß.

blimu: Wie war Ihr Lebensweg hin zu dieser Hauptrolle in einer großen Deutschlandpremiere?

OK: Ich habe meine Ausbildung 2013 in den Niederlanden abgeschlossen und bin dann relativ direkt in den deutschsprachigen Raum gekommen – zunächst mit »Das Phantom der Oper« in Hamburg. Meinen Durchbruch hatte ich in Wien mit »Mozart!«, dem Musical, dann kam »Ludwig²«. Ich merke, dass mich historische Figuren mit großer Emotionalität besonders ansprechen – und dass man das in mir auch sieht. »Rudolf – Der letzte Kuss« (bzw. damals noch »Rudolf – Affäre Mayerling«, Anm. d. Redaktion) kannte ich schon aus der Ausbildung, habe damals schon einige Songs gesungen. Und jetzt darf ich die Rolle endlich spielen.

blimu: Warum sollte man kommen und das Stück im Festspielhaus Neuschwanstein bzw. Sie in dieser Rolle anschauen?

OK: Weil Rudolf ein wahnsinnig interessanter Charakter ist – einer, der für die Weltgeschichte weit bedeutsamer war, als man vielleicht denkt. Sein tragischer Tod war der Anfang vom Ende des österreichischen Kaiserreichs – und der Beginn der modernen Welt, wie wir sie kennen. Einer Welt, die, ehrlich gesagt, gerade selbst unter Druck steht. Dazu kommt großartige Musik, ein beeindruckendes Bühnenbild – und dieser Schauplatz. Das kann man eigentlich nicht verpassen.

blimu: Toi toi toi für Sie und das ganze Team hinter der Produktion!

 

Das Interview führte Anne Roth.