Musical-Hotspot im österreichischen Weinviertel – »Let’s do the Rocky Horror Show again«

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»Let’s do the Rocky Horror Show again« – genau das dachte sich das Team des Musiktheaters Mistelbach gemeinsam mit dem A‑Capella-Chor Weinviertel. Der Kult-Hit, den sie 1994 schon einmal auf die Bühne brachten und für dessen neue Aufführungsrechte sie ganze 12 Jahre lang warteten, feierte nun ein fulminantes Comeback. Zum Glück, denn entstanden ist ein Spektakel, das noch Tage später nachhallt.

Natürlich gibt es das, was man von der »Rocky Horror Show« erwartet: Rock’n’Roll, Glitzer, Glamour und Sexappeal. Doch was diese Inszenierung wirklich herausragen lässt, ist die Professionalität und Energie, die man bei einer Amateurproduktion selten sieht. Das eindrucksvolle Bühnenbild von Christoph Fath, die starke Lichtgestaltung von Jürgen Erntl, die fantasievollen Kostüme von Almasa Jerlagic und die präzise Maske von Doris Wiesinger verschmelzen mit zahlreichen Special Effects – vom menschlichen Schlossportal bis zum raffinierten technischen Trick bei ›I’m Going Home‹.
Ebenso unverzichtbar für den großen Erfolg der Produktion sind Taro Morikawa, der für die Regie zuständig ist, und Eva Klug, die die abwechslungsreichen und eindrucksvollen Szenen choreografierte. Beide haben über Monate hinweg mit dem Ensemble intensiv an jeder Szene gearbeitet. Der musikalische Leiter ist Gregor Sommer und er sorgt dabei nicht nur für die perfekte Harmonie der Band, sondern begleitet die Aufführung selbst virtuos am Piano. Wie uns verraten wurde, sind die Bandmitglieder alle Musiklehrer – und deren Schüler:innen waren die Gäste der Generalprobe. Erlebnispädagogik auf bestem Niveau.

Auch der Sound (Georg Hrauda) überrascht: Für einen »Mehrzwecksaal in der Provinz« klingt die Produktion beeindruckend. Einige andere Veranstalter und Theaterstandorte können sich davon eine ordentliche Scheibe abschneiden!

Da war doch noch was – ja: die Menschen auf der Bühne. Das Ensemble, das bis auf den heißen Rocky (Niklas-Sven Kerck) ausschließlich aus Chormitgliedern besteht (vielleicht braucht Mistelbach ein Upgrade im Sportverein für die nächste Produktion), legt in jeder noch so kleinen Rolle Leidenschaft und Spielfreude hin. Reinhard Reiskopf (RiffRaff) ist nicht mehr Chormitglied, spielte aber schon bei vielen Produktionen mit und spielte seine Rolle mit eigener Handschrift – sehr mitreißende Mimik und Gestik.

Der Erzähler (Christoph Fath, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist) wirkt fast ständig präsent – auf der Bühne und im Zuschauerraum, der eben auch teilweise in das Bühnenbild integriert ist. Das Publikum an den VIP-Tischen wird so mehr oder weniger freiwillig Teil der Handlung. Fath führt souverän durch den Abend und lässt sich auch von den typischen »Boring!«-Rufen nicht aus der Ruhe bringen. Nichts wirkt gestellt und gelernt, sondern alles spontan – genau so soll es sein.

Janet (Hannah Toriser) und Brad (Reinhard Hirtl) – das naive Paar, das es durch eine Panne ins Schloss verschlägt – gewinnen das Publikum vom ersten Moment an. Beide durchlaufen eine deutliche Wandlung in den knapp 2 Stunden, die glaubhaft und berührend in jeder Phase bleibt. Und ja: Brad steht am Ende natürlich auch in Strapsen auf der Bühne. Ganz ehrlich: Wo erlebt man das, dass der Intendant sich so zeigt? (Gut, wir wissen noch nicht, wie mutig Alfons Haider diesen Sommer als Zaza sein wird …)

Auch Lukas Rapp als Frank‘N‘Furter setzt ein Ausrufezeichen. Die Rolle bietet bereits viel, doch Rapp treibt sie zur Spitze eines sehr heißen Eisbergs. Er ist zu 100% auf der Bühne und flirtet gleichzeitig mit jeder einzelnen Person im Raum. Dazu kommen eine kraftvolle Stimme, ein Spiel mit allen zur Verfügung stehenden Körperteilen und vor Leidenschaft sprudelnde Augen. Raunen ging mehrfach durch das Publikum und man sah bei Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts dieselbe Faszination ins Gesicht geschrieben.

Über diese Produktion gibt es noch viel zu erzählen – und das tun wir in der Mai-Ausgabe der nlickpunkt musical. Bis dahin können wir aber schon ein paar wunderbare Eindrücke dieser Inszenierung bieten, eingefangen von unserer Fotografin Renate Schwarzmüller.

Gratulation an alle, die Karten ergattern konnten – sie waren schon Wochen vor der Premiere praktisch ausverkauft. Ein Treffer wie ein Lottosechser. Die Welt braucht mehr solcher Produktionen – ›Damn it, Janet!‹ und Co.