Barbara Obermeier, Tobias Bieri und Ivan Alboresi im Interview zu »Songs for a New World«

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Am 26. Juni feierte »Songs for a New World« bei den Thüringer Schlossfestspielen Sondershausen trotz größter Hitze Premiere. Wir konnten vorab mit Barbara Obermeier, Tobias Bieri und Regisseur Ivan Alboresi sehr interessante Gespräche zu der Inszenierung führen. Die ausführliche Kritik können Sie in der kommenden Ausgabe unseres »blickpunkt musical« lesen. Restkarten für die verbleibenden Vorstellungen sind noch erhältlich unter: https://schlossfestspiele-sondershausen.de/programm/songs-for-a-new-world

Interview mit Ivan Alboresi

blickpunkt musical: Lieber Herr Alboresi, »Songs for a New World« wird im Original oft sehr statisch inszeniert – vier Sänger am Mikrofon, die ihre Geschichten erzählen. Sie bringen nun Ihr gesamtes Ensemble vom Ballett TN LOS! mit auf die Bühne. Wie kam es zu der Entscheidung, diesen Liederzyklus so stark zu choreografieren?

Ivan Alboresi: Für mich stand nie die Frage im Raum, wie viel Choreografie es braucht, sondern was dieses Stück braucht, um seine Geschichten bestmöglich zu erzählen. Gerade bei den Schlossfestspielen in Sondershausen haben wir die Möglichkeit, sehr atmosphärisch und bildstark zu arbeiten.
Zugleich erzählt jeder Song in »Songs for a New World« seine ganz eigene Geschichte und besitzt eine unverwechselbare musikalische Farbe. Deshalb entwickelt sich die Bewegung jeweils aus der Stimmung, der Rhythmik und der emotionalen Welt des jeweiligen Songs. So entsteht eine abwechslungsreiche Inszenierung, in der Tanz, Musik und Gesang eng miteinander verwoben sind und das Publikum durch die unterschiedlichsten Welten dieses Liederzyklus führen.

Blimu: Die Charaktere in den Songs stehen alle vor existenziellen Wendepunkten (Angst, Aufbruch, Verlust). Agieren die Tänzer in Ihrer Inszenierung als eine Art »inneres Echo« der Sänger, um das zu visualisieren, was Musik und Text allein nicht greifen können?

IA: Ja, in vielen Momenten übernehmen die Tänzerinnen und Tänzer genau diese Funktion. Sie sind nicht nur Teil des Bühnengeschehens, sondern spiegeln die inneren Prozesse der Figuren wider – ihre Ängste, Träume und Sehnsüchte.
»Songs for a New World« erzählt von Menschen, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen. Oft geschieht das Entscheidende dabei im Inneren der Figuren. Tanz bietet die Möglichkeit, diese emotionalen und psychologischen Ebenen sichtbar zu machen und ihnen eine körperliche Form zu geben.
Dabei geht es nicht darum, Text oder Musik zu illustrieren, sondern sie zu erweitern. Die Tänzer schaffen zusätzliche Bedeutungsebenen und machen spürbar, was die Figuren vielleicht nicht aussprechen können. So entsteht ein Dialog zwischen Gesang, Schauspiel und Bewegung, der die emotionalen Reisen der Charaktere noch intensiver erlebbar macht.

Blimu: Sie arbeiten mit Musical-Profis wie Barbara Obermeier und Tobias Bieri zusammen, die schauspielerisch sowie gesanglich sehr stark sind. Wie stark fordern Sie sie auch bewegungstechnisch heraus? Müssen die Sänger diesmal richtig mittanzen oder sind alle Choreografien getrennt zwischen Tänzern und Darstellern?

IA: Mit Tobias Bieri habe ich bereits bei meiner Inszenierung von »Jesus Christ Superstar« zusammengearbeitet, in der er die Rolle des Jesus verkörperte. Barbara Obermeier kenne und schätze ich ebenfalls seit vielen Jahren. Daher wusste ich, dass ich mit Künstlerpersönlichkeiten arbeiten würde, die nicht nur gesanglich und schauspielerisch, sondern auch in ihrer Bühnenpräsenz sehr flexibel sind.
Grundsätzlich sehe ich die Tänzerinnen und Tänzer nicht als eine von den Darstellern getrennte Ebene. Vielmehr bewegen sie sich gemeinsam in derselben Welt und erzählen dieselben Geschichten. Deshalb gibt es durchaus Momente, in denen die Sängerinnen und Sänger auch körperlich und bewegungstechnisch gefordert werden. Wenn es die Szene oder die Musik verlangt – wie beispielsweise in ›Der Dampfzug‹ –, wird die Bewegung zu einem wichtigen Teil des Erzählens.
Gleichzeitig gibt es Songs wie ›Christmas Lullaby‹, die von ihrer Intimität leben. Dort steht für mich die unmittelbare Verbindung zwischen der Darstellerin und dem Publikum im Mittelpunkt. In solchen Momenten braucht es keine große Choreografie, weil die Kraft bereits in der Musik, im Text und in der persönlichen Interpretation liegt. Es geht also nicht darum, dass die Sänger ständig mittanzen müssen, sondern darum, für jeden Song die Form zu finden, die seine Geschichte am stärksten erzählt.

Blimu: Jason Robert Brown hat kein klassisches Musical mit durchgehender Handlung geschrieben. Jeder Song steht für sich. Wie schafft man es als Regisseur, dass der Zuschauer nach zwei Stunden das Gefühl hat, eine zusammenhängende Geschichte und nicht nur 16 einzelne Lieder gesehen zu haben?

IA: Genau darin liegt für mich eine der spannendsten Herausforderungen dieses Stücks. Man darf die einzelnen Songs nicht als voneinander getrennte Nummern betrachten, sondern muss sie als Teile eines größeren Ganzen verstehen.
Ich sehe »Songs for a New World« wie ein großes Mosaik: Jeder Song erzählt zwar seine eigene Geschichte, doch alle beschäftigen sich mit Menschen, die an einem entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens stehen. Diese gemeinsamen Themen – Aufbruch, Angst, Hoffnung, Verlust und Mut – verbinden die einzelnen Nummern miteinander.
In der Inszenierung achten wir deshalb besonders auf die Übergänge zwischen den Songs. Die Geschichten fließen ineinander, Motive tauchen wieder auf, und es entstehen emotionale Bögen, die sich über mehrere Nummern hinweg entwickeln. Dadurch erlebt das Publikum nicht 16 einzelne Lieder, sondern eine gemeinsame Reise durch unterschiedliche menschliche Erfahrungen. Am Ende entsteht so ein großes Gesamtbild, bei dem die einzelnen Geschichten miteinander verwoben sind und sich zu einer übergeordneten Erzählung verbinden.

Blimu: Das Stück wurde Mitte der 90er geschrieben. Was bedeutet der Titel »Songs for a New World« für Sie im heutigen Jahr 2026? Vor welchen »neuen Welten« oder Umbrüchen stehen wir heute, die Sie in der Inszenierung spiegeln möchten?

IA: Ich finde, dass »Songs for a New World« auch mehr als 30 Jahre nach seiner Entstehung nichts von seiner Aktualität verloren hat. Die Menschen sind nach wie vor mit Kriegen, wirtschaftlichen Krisen und gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert und müssen immer wieder Entscheidungen treffen, die ihr Leben verändern.
Für mich steht der Titel weniger für eine bestimmte Zeit als für jene Momente, in denen sich plötzlich eine neue Realität eröffnet und man den Mut finden muss, den nächsten Schritt zu wagen. Deshalb ist die Geschichte heute genauso relevant wie damals. Die äußeren Umstände ändern sich, aber die Herausforderungen, Hoffnungen und Ängste der Menschen bleiben dieselben.

Blimu: Viele Nummern des Stücks sind eigentlich intime Kammerspiele (z. B. eine schwangere Frau am Fenster oder ein Soldat im Sterben). Wie transportiert man diese extreme Intimität auf eine riesige Open-Air-Bühne im historischen Lustgarten, ohne dass die Emotionalität im Raum verpufft?

IA: Gerade auf einer großen Open-Air-Bühne muss man Wege finden, Intimität bewusst herzustellen. Dabei unterstützt uns das Bühnenbild sehr. Die gesamte Handlung spielt in einem Raum aus Baugerüsten und vier Türmen, die ebenfalls aus Baugerüsten bestehen. Dieses Bild steht für mich sinnbildlich für das Leben, das wir ständig weiter aufbauen, verändern und neu gestalten.
Durch die verschiedenen Ebenen und die flexible Nutzung des Raums können wir die Spielfläche je nach Szene vergrößern oder bewusst verdichten. So entstehen auch auf der großen Bühne intime Momente, in denen sich der Fokus ganz auf eine Figur und ihre Geschichte richtet. Denn letztlich entsteht Intimität nicht durch die Größe des Raumes, sondern durch die Konzentration auf den Menschen und seine Emotionen. In anderen Momenten nutze ich für diese Fokussierung auch die Tänzerinnen und Tänzer.

Blimu: In dem Stück geht es genau um den Moment, in dem man das Vertraute hinter sich lässt und ins Ungewisse aufbricht. Sie selbst nehmen nach vielen erfolgreichen Jahren Abschied vom Theater Nordhausen und wechseln als Ballettdirektor nach Detmold. Ist diese Inszenierung für Sie persönlich auch ein Stück weit Verarbeitung Ihres eigenen »Songs for a New World«-Moments?

IA: Ja, das kann man durchaus so sagen. Als wir uns im vergangenen Frühjahr für dieses Stück entschieden haben, wusste ich noch nicht, dass ich nach Detmold wechseln würde. Umso erstaunlicher finde ich es heute, wie sehr die Themen des Stücks mit meiner eigenen Situation in Resonanz stehen.
Nach vielen wunderbaren Jahren in Nordhausen beginnt für mich ein neues Kapitel, das mit Vorfreude, aber natürlich auch mit Unsicherheit verbunden ist. Deshalb kann ich mich sehr gut mit den Figuren und ihren Geschichten identifizieren. Vielleicht berührt mich dieses Stück gerade deshalb so sehr. Und am Ende schließt das Stück ja mit einem positiven, optimistischen Blick auf die Zukunft: »Hör nur auf das Lied, das ich sing. Und glaub mir, es wird gut.«

Interview Tobias Bieri

Blickpunkt Musical: Lieber Herr Bieri, nun ist es fast 16 Jahre her, dass Sie die deutsche Erstaufführung von »Songs for a New World« gespielt haben. Wie fühlt es sich an, diesen Liederzyklus Jahre später mit viel mehr Lebens- und Bühnenerfahrung noch einmal anzugehen? Entdeckt man die Songs als gereifter Künstler völlig neu? Welche Textzeile ruft jetzt etwas ganz anderes in Ihnen hervor, als sie es damals tat?

Tobias Bieri: Das ist eine sehr spannende Frage. Damals war ich noch mitten im Studium und habe mir generell weniger Gedanken über die Figuren gemacht und konnte irgendwie unbeschwerter mit dem Material umgehen, als ich das heute tue.
Zweifellos haben aber die Themen im Stück nichts an Aktualität eingebüßt. Zweifel, Veränderungen, sich neu orientieren, sich mit einer komplett neuen Situation auseinandersetzen – das ist in diesem Beruf ein sehr zentrales Element. Egal wie gut und erfolgreich die letzte Produktion, die letzte Vorstellung lief, komme ich immer wieder an den Punkt, an dem ich zu mir selbst sagen muss: »You know nothing, John Snow«.

Blimu: Ihre Nummern im Stück verlangen eine enorme stimmliche Bandbreite, die stark in den Pop-, Rock- und Gospelbereich geht. Wie fordernd ist Jason Robert Browns Musik für Sie als Sänger im Vergleich zu klassischen Musical-Partituren?

TB: Das Stück ist für vier SängerInnen geschrieben, die alle Gesangsparts übernehmen. Daher springt man sehr oft zwischen Solo- und Ensemblegesang hin und her. Und erstaunlicherweise gehören manche der Ensemblestellen für mich zu den größten Herausforderungen des Abends. Eine Solopartie kann ich genau so singen, wie es für mich angenehm ist, und bin relativ frei im Timing und in der Dynamik. Wenn wir zu viert singen, müssen wir uns aneinander anpassen, die Phrasierung und Dynamik sollte zusammenpassen. Da sind dann Stellen dabei, die viel Text enthalten, sehr hoch geschrieben sind, aber dann trotzdem leicht klingen sollten – das ist dann sehr anspruchsvoll.
Da hilft die deutsche Sprache leider auch nicht – die englische Sprache hat deutlich mehr offene Vokale. Zum Vergleich: ›I’m King of the World‹ hat nur offene Vokale, ›Ich bin König der Welt‹ hat fünf geschlossene und einen offenen Vokal. Gerade in der Mittellage kann das schnell dazu führen, dass die Stimme fest wird.

Blimu: Ihre Rolle (Mann 1) wird oft als eine der anstrengendsten Tenor-Partien überhaupt bezeichnet. Direkt die Eröffnungsnummer ›The New World‹ und später ›On the Deck of a Spanish Sailing Ship‹ verlangen soulige High Notes und permanenten Druck in der Höhe. Wie teilen Sie sich diese Kraft über den Abend hinweg ein, ohne dass nach der Hälfte der Show die Stimme streikt?

TB: Es geht mehr um Präzision und Balance als um Kraft. Je mehr ich es schaffe, während der Partie technisch sauber zu arbeiten, desto weniger komme ich in Verlegenheit, mit Kraft kompensieren zu müssen.
Die Probenzeit stellt da auch eine besondere Herausforderung dar. Um zu proben, muss man einzelne Stellen oder auch ganze Songs wiederholen, manchmal öfters hintereinander. Da muss man dann sehr gut mit den stimmlichen Ressourcen haushalten. Weil die Partie oft sehr hoch ist, muss ich jeweils ganz klar entscheiden, ob ich voll aussinge oder markiere. So halb funktioniert nicht wirklich und ist oftmals noch anstrengender für die Stimme.

Blimu: »Songs for a New World« ist eigentlich ein sehr intimes, fast minimalistisches Stück. Nun spielen Sie im Sommer 2026 Open Air im großen Lustgarten des Schlosses Sondershausen. Wie verändert die Kulisse unter freiem Himmel die Intimität dieser Geschichten?

TB: Generell wurde diese Inszenierung darauf ausgelegt, dass die Zuschauer nicht ganz so nah am Geschehen sind, wie man es bei diesem Stück erwarten würde. Wir versuchen daher auch, manche der Situationen etwas klarer und weniger abstrakt darzustellen. Der Zuschauer wird dann nicht allein durch den Text in die jeweilige Geschichte geführt, sondern es werden auch andere Mittel wie Kostüme oder das Bühnenbild dafür genutzt, um eine Situation entstehen zu lassen.

Blimu: In dieser speziellen Inszenierung ist auch das Ballett des Theaters Nordhausen (Ballett TN LOS!) integriert. »Songs for a New World« hat im Original kaum Tanz. Wie interagieren Sie als vier Solisten mit den Tänzern? Visualisieren diese Ihre inneren Konflikte?

TB: Das Tanzensemble wird in dieser Produktion sehr vielseitig eingesetzt. In manchen Songs ist das mehr naturalistisch, also als reale Spielpartner, in anderen eher tänzerisch, und oftmals sind die Übergänge auch fließend. Unser Regisseur und Choreograf Ivan Alboresi ist selbst Ballettdirektor der TN LOS Company und bringt jahrelange Erfahrung mit dem Inszenieren und Choreografieren von Musicals mit. Dadurch ist die Ausdrucksart Tanz homogen in die Produktion eingebettet, was ich persönlich sehr mag.

Blimu: Sie haben in dem Zwei-Personen-Stück »Die letzten fünf Jahre« (ebenfalls von Jason Robert Brown) den Jamie gespielt. Wenn man nur zu zweit auf der Bühne steht, gibt es kein Ensemble, hinter dem man sich verstecken kann. Wie unterscheidet sich die Energie bei so einem intimen Stück im Vergleich zu einer Riesen-Produktion wie »Tanz der Vampire« oder jetzt aktuell »Moulin Rouge!«?

TB: Die Produktionen könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch bleibt meine Aufgabe dieselbe. »Moulin Rouge!« ist eine technisch sehr aufwendige Produktion, welche quasi 1:1 vom Broadway übernommen wurde. Alles ist bis ins kleinste Detail durchgeplant und wurde über Jahre hinweg immer verfeinert und poliert. Die Schwierigkeit liegt in einer solchen Produktion darin, dass man versucht, die Geschichte jeden Abend neu zu erzählen – direkt, durchlässig und im Moment zu bleiben, obwohl um dich herum eine Riesenmaschinerie abläuft.
Das ist bei einem solchen Stück anders. Da ist man in manchen Momenten ganz alleine auf der Bühne, mit relativ wenig, was den Moment zusätzlich trägt. Aber auch da gilt: im Moment und an der Geschichte bleiben, damit ist man ziemlich sicher auf dem richtigen Weg.

Blimu: Sie haben Jesus in »Jesus Christ Superstar« gespielt – eine der absoluten Ikonen des Rock-Musicals. Wenn man das mit dem eher unbekannten »Songs for a New World« vergleicht, drängt sich die Frage auf, was schwieriger ist: wenn man mit so viel Druck umgehen muss, weil jeder das Stück kennt, oder wenn man das Publikum ganz neu für das Stück gewinnen muss?

TB: Ich finde, ein Theaterabend ist dann gelungen, wenn die Zuschauer ohne jegliches Vorwissen in die Vorstellung gehen und trotzdem gänzlich in die Geschichte eintauchen können – am besten komplett unvoreingenommen. Ich sehe es daher als Chance, dass das Stück noch nicht so oft in Deutschland gespielt wurde.
Ich kann mich immer noch an meinen ersten »West Side Story«-Besuch als Kind im Stadttheater Bern erinnern. Ich weiß weder, wer das Stück damals inszeniert, noch wer Tony & Maria gesungen hatte. Aber von allen »West Side Story«-Besuchen, die ich in meinem Leben hatte, war das der prägendste – und auch mit ein Grund, warum mich das Genre Musical nicht mehr so richtig losgelassen hat.

Interview mit Barbara Obermeier

blickpunkt musical: Liebe Frau Obermeier, Sie kommen faktisch gerade aus Füssen, wo Sie mit »Rudolf – Der letzte Kuss« Teil einer umjubelten deutschen Erstaufführung waren. Wie haben Sie die Arbeit dort und an dem Stück empfunden?

Barbara Obermeier: Die Arbeit in Füssen war für mich eine ganz besondere und sehr emotionale Erfahrung. Einerseits, weil ich nach 21 Jahren an den Ort zurückkehren durfte, an dem meine Karriere begonnen hat – das hat sich wirklich wie ein Kreis angefühlt, der sich schließt. Gleichzeitig war die erneute Zusammenarbeit mit den VBW für mich wie ein Nachhausekommen. Alex Balga, Christian Struppeck, Koen Schoots sowie viele aus dem Kreativteam und der Produktionsleitung sind langjährige Wegbegleiter meiner Bühnenarbeit. Man kennt und vertraut sich, und genau dieses Gefühl war sofort wieder da. Umso schöner war es, gemeinsam an der Neuproduktion von »Rudolf – Der letzte Kuss« zu arbeiten, Ideen auszutauschen und Vorstellungen miteinander umzusetzen. Besonders beeindruckend fand ich dabei auch das Zusammenspiel aller Elemente, von Kostüm über Bühnenbild bis hin zur Choreografie, die gemeinsam diese besondere Welt entstehen lassen. Es war eine sehr intensive, aber unglaublich schöne Zeit, die von großem Teamgeist und viel Enthusiastmus getragen wurde – und am Ende stand eine Premiere, bei der das Stück genauso auf der Bühne angekommen ist, wie wir es uns gewünscht haben.
Besonders bereichernd waren für mich aber auch die neuen Begegnungen, etwa mit Alexandra Kica und Jonathan Huor. Die Zusammenarbeit mit ihnen war eine große Freude. Was diese Produktion insgesamt so besonders gemacht hat, war die Ensemblearbeit: Wir sind ein sehr harmonisches Ensemble, das sich gegenseitig trägt und unterstützt. Gerade bei der Tragik des Stücks ist dieses Zusammengehörigkeitsgefühl unglaublich wichtig auf der Bühne, aber auch abseits davon. In Füssen, wo man etwas abgeschieden ist, haben wir auch nach der Arbeit viel Zeit miteinander verbracht und gemeinsam etwas unternommen, das hat uns als Gruppe noch enger zusammengeschweißt. Und nicht zuletzt wäre diese Produktion natürlich ohne die vielen helfenden Hände und all die Mitarbeiter:innen hinter und unter der Bühne nicht möglich gewesen – ihr Einsatz ist es, der so einen Abend überhaupt erst entstehen lässt.

blimu: Als Gräfin Larisch haben Sie großartige Songmomente gehabt. Die Musik von Frank Wildhorn ist viel mehr das große, bogenstarke »Musical«, als es die Musik von Jason Robert Brown ist, mit dessen Partitur Sie sich nun beschäftigen dürfen. Gibt es eine Musikrichtung, die Ihnen persönlich näher ist, oder liegt gerade in dem ständigen Wechsel für Sie der Reiz?

BO: Ich würde gar nicht sagen, dass mir eine Musikrichtung grundsätzlich näher ist, für mich liegt der Reiz tatsächlich genau in diesem Wechsel. Unterschiedliche Stile fordern einen als Darstellerin auf ganz eigene Weise heraus und eröffnen immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten. Gerade bei »Rudolf – Der letzte Kuss“ ist vieles sehr groß gedacht, emotional und musikalisch. Diese opulente Art trägt einen auf der Bühne ganz anders.
Jason Robert Browns Musik hingegen ist viel direkter, komplexer und fordernder, sowohl rhythmisch als auch emotional. Ich finde beides gleichermaßen spannend. Und gerade aus diesem Wechsel der Stile nehme ich immer wieder etwas mit: Jede Produktion hinterlässt Spuren in der eigenen Arbeitsweise, in der Musikalität und im Ausdruck – und genau diese Erfahrungen kann man dann in neue Projekte einfließen lassen. Das hält meine Arbeit lebendig und lässt mich ständig weiterentwickeln.

Blimu: Jason Robert Browns Musik ist berüchtigt für ihre vertrackten Rhythmen, anspruchsvollen Harmonien und emotionalen Spitzen. Wie nähert man sich so einer Partitur? Ist das für Sie eher mathematische Präzisionsarbeit oder pures Bauchgefühl?

BO: Da sich die Produktionen, wie Sie bereits erwähnt haben, dieses Mal sehr überschnitten haben, muss ich ehrlich gestehen, dass ich zum ersten Probentag ungewöhnlich unvorbereitet angekommen bin. Ich kannte die Musik zwar noch aus meiner Ausbildung und hatte auch einige Soli und Ensemblestellen früher schon einmal gesungen, aber den »Luxus«, mich im Vorfeld intensiv damit auseinanderzusetzen, hatte ich diesmal nicht. Ich hatte zuvor noch ein Konzert in der Wiener Stadthalle, Auftritte bei »Einstein«, »Rudolf« und eine Konzert-Tour in China, sodass ich tatsächlich fast wie ein weißes Blatt in die Proben gestartet bin. Dazu kam, dass ich parallel noch immer zu Vorstellungen nach Füssen pendeln musste.
Dadurch wurde jede Probe mitgeschnitten, und ich habe meine langen Autofahrten – oft sechs bis sieben Stunden – genutzt, um mir meine Stimmen durch wiederholtes Anhören und Mitsingen im Auto praktisch unterwegs zu erarbeiten. Rückblickend kann man sagen: Es war ein wilder Ritt. Und ehrlich gesagt habe ich die Musik ein Stück weit unterschätzt. In den ersten musikalischen Proben hat mein Kopf ordentlich geraucht und ich dachte nur: »Oh wow, das ist komplex, viel, anspruchsvoll und ganz schön anstrengend.« Ich glaube, ich habe mich beim Einstudieren noch wie so oft schief oder »falsch« singen gehört, was aber auch daran liegt, dass Jason Robert Browns Kompositionen sehr stark von Reibungen und deren Auflösung leben. Gerade diese harmonischen Spannungen machen die Musik so interessant, aber eben auch herausfordernd.
Umso wertvoller war die Arbeit mit Julian Gaudiano, unserem MD, der uns unglaublich unterstützt hat: beim Blattlesen, beim Entschlüsseln der Notation und vor allem dabei, einen gemeinsamen Groove zu finden. Dadurch ist ein sehr schöner, gemeinsamer musikalischer Prozess entstanden. Anders als vielleicht üblich, haben wir in Nordhausen nicht gleich mit einem durchgehenden Sing-Through begonnen, sondern sehr intensiv an einzelnen Nummern gearbeitet. Zuerst wurden die Soli musikalisch einzeln erarbeitet, bevor wir sie Schritt für Schritt gemeinsam weiterentwickelt haben.
Besonders prägend war dabei die Zusammenarbeit mit unserem Regisseur Ivan Alboresi: Mit ihm haben wir die Stücke nach und nach in Szene gesetzt, lange über den Inhalt und die Texte gesprochen und diese vertieft. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich für diese Produktion angefragt und in dieses Team geholt hat. Gerade bei einer Produktion mit »nur« vier Darsteller:innen ist die Chemie im Ensemble unglaublich wichtig – und ich finde, Ivan Alboresi hat uns hier wirklich perfekt zusammengeführt. So konnten wir uns gemeinsam die Musik erschließen, mit dem Mut, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Dadurch ist nicht nur ein gemeinsamer Groove, sondern auch ein sehr feiner gemeinsamer Klang entstanden, der diese Arbeit für mich besonders gemacht hat.
Aber wie meine Freundin Ariana Schirasi-Fard mir immer wieder sagt: »Es heißt Probenstart und nicht Probenende.« Genau das habe ich mir in dieser Zeit auch immer wieder bewusst gemacht – meinen inneren Druck und Antreiber nicht zu groß werden zu lassen und mir zu erlauben, im Prozess zu wachsen. Und letztendlich ist sich, wie man so schön in Österreich sagt, alles ausgegangen.

Blimu: Mit »Songs for a New World« verlassen Sie auch die Großproduktionen, die mit ihren vielen Darstellern, großen Kostümen und beeindruckenden Bühnenbauten vielleicht manches überdecken. Ist das für Sie als Darstellerin eine besondere Herausforderung, in diesem kleineren Rahmen zu glänzen?

BO: Ja, absolut, aber auf eine sehr schöne Art. In einem kleineren Rahmen gibt es weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken – alles ist viel unmittelbarer, persönlicher und auch sehr transparent. Dadurch entsteht eine besondere Intensität: Alles ist sehr »pur«, und genau das fordert einen als Darstellerin auf eine ganz eigene Weise heraus. Gleichzeitig ist es aber auch unglaublich befreiend, weil man direkter erzählen und viel feiner arbeiten kann.
Gerade in einem kleineren Ensemble wird die Arbeit zudem sehr persönlich. Das Schöne bei uns ist, dass wir alle – Jörg, Tobias, Rebecca und ich – auch über uns selbst gerne und gut lachen können. Genau das schafft einen einzigartigen Raum: Raum zum Ausprobieren, zum Scheitern, zum Experimentieren und um sehr detailliert zu arbeiten. Es ist ein Ort entstanden, der von Vertrauen und Verständnis geprägt ist, gepaart mit sehr viel Humor. Und ich finde, so eine Arbeitsatmosphäre ist etwas ganz Besonderes. Ich hatte nie das Gefühl, abliefern zu müssen und auf einem Endstand zu sein, wir entwickeln uns stetig weiter – jeder Tag ist auch nicht gleich, das merkt man bei diesem Stück sehr stark.
Besonders schön ist in dieser Produktion auch, dass Ivan Alboresi – der seit 10 Jahren Ballettdirektor in Nordhausen ist – sein starkes Ensemble bewusst in die Inszenierung mit eingebunden hat. Dadurch entsteht in vielen Momenten eine sehr organische Verbindung zwischen Tanz und Gesang. Die Arbeit mit dem grandiosen Ballett ist für mich eine große Bereicherung und eine echte Freude, weil diese Fusion dem Stück noch einmal eine ganz eigene, sehr besondere Ausdrucksebene verleiht.

Blimu: »Songs for a New World« hat keine durchgehende Handlung im klassischen Sinn. Wie gelingt es Ihnen trotzdem, eine Verbindung zu den Rollen zu finden, in die Sie schlüpfen müssen?

BO: Für mich ist es tatsächlich so, dass meine »Frau 1« sehr stark mit Beziehungsthemen verbunden ist – mit Fragen nach Nähe, Verlustängsten, aber auch dem Wunsch nach einem erfüllten Leben, etwa in Bezug auf das Thema Muttersein. Dadurch fällt es mir leichter, einen roten Faden zu finden, weil es um sehr menschliche, realistische Situationen geht, die wir alle kennen. Diese zwischenmenschlichen Ebenen sind für mich der Schlüssel, um eine Verbindung zu den unterschiedlichen Figuren herzustellen.
Das verbindende Element im Stück ist dabei ganz klar die Musik – gerade durch die Reprisen, in denen Themen und Emotionen immer wieder aufgegriffen werden. Diese »New-World-Momente«, in denen sich das Leben einer Figur in einem Augenblick verändert, geben dem Ganzen eine starke innere Klammer und machen die Geschichten für mich greifbar.

Blimu: Das zentrale Thema des Stücks ist dieser eine Bruchteil einer Sekunde, in dem man vor einer großen Entscheidung steht und sich alles verändert. Gab es in Ihrem realen Leben oder Ihrer Karriere auch so einen »Songs for a New World«-Moment, der alles auf den Kopf gestellt hat?

BO: Ich glaube tatsächlich, dass wir solche »New-World-Momente« ständig in unserem Leben haben – nur nicht in den kleinen Alltagssituationen wie »Wie trinke ich meinen Kaffee?«, sondern in den wirklich entscheidenden Fragen: Mit wem möchte ich meine Zeit verbringen? Welche Energie möchte ich um mich haben? Wo möchte ich leben? Jede dieser Entscheidungen hat Einfluss und kann eine neue Richtung vorgeben.
Ich selbst habe in den letzten Jahren viele solcher Momente erlebt. Ich habe mir ganz bewusst ein Jahr Auszeit vom Job genommen, um zu reisen und für mich herauszufinden, wer ich abseits der Bühne bin und was mich darüber hinaus erfüllt. In einem ausgebauten Camper bin ich bis zum Nordkap und zurückgefahren, gemeinsam mit meinem Hund Sopherl. Bewusst ganz weit weg in die Isolation und weg vom Scheinwerferlicht.
Gleichzeitig habe ich auch große Rollen abgesagt, wenn sie nicht zu meinem Lebenskonzept gepasst haben oder wenn die Bedingungen nicht stimmig waren – auch wenn solche Entscheidungen natürlich nicht leichtfallen. Ich glaube, es gibt viele mögliche »Handlungsstränge« in unserem Leben, die parallel existieren könnten, und jede Entscheidung lenkt uns in eine bestimmte Richtung. Wichtig ist letztlich, dass man sich überhaupt entscheidet und den Mut hat, diesen Weg zu gehen. Für mich ist das ganz ähnlich wie beim Singen: Wenn man sich nicht zu hundert Prozent für eine Art entscheidet, einen Ton zu singen, beginnt er zu wackeln oder bricht weg. Und genauso ist es im Leben – Klarheit und Entscheidung geben Stabilität.

Blimu: Was ist Ihr persönlicher Lieblingsmoment in der Show? Gibt es ein Lied, das Sie ganz besonders emotional rührt?

BO: Es gibt so viele besondere Momente in dieser Produktion, dass es gar nicht so leicht ist, einen einzelnen herauszugreifen. Bei den Songs, die ich interpretiere, berührt mich besonders ›Ich hab nie Angst‹, weil ich die darin liegende Botschaft sehr stark finde. Trotz Beziehungsängsten geht »Frau 1« ihren Weg weiter und stellt sich allem, was kommt. Besonders schön ist dabei auch die szenische Umsetzung: Ich darf auf einen hohen Turm klettern, was ich sehr liebe. Generell schätze ich es sehr, körperlich aktiv in einer Inszenierung zu arbeiten, und da Bouldern und Klettern gerade auch privat eine große Leidenschaft von mir sind, konnte ich das hier wunderbar verbinden.
Ein weiteres Highlight ist für mich das Duett ›Das alles gäb ich her‹ mit meinem lieben Kollegen Jörg Neubauer – das einzige Duett im Stück. Jörg und ich haben bereits vor 13 Jahren gemeinsam bei »Natürlich blond« gearbeitet, und es hat damals sofort geklickt. Er ist ein Traumspielpartner. Umso schöner ist es, nach all den Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen und zu singen.

Und natürlich sind auch ›Ich flieg heim‹ und ›Hör mein Lied‹ für mich ganz besondere Momente, denn nachdem wir vier Darsteller:innen all diese unterschiedlichen Geschichten erzählt haben, fügt sich dort alles zusammen. Gerade bei den Backings von ›Ich flieg heim‹ bekomme ich jedes Mal Gänsehaut. Darüber hinaus liebe ich die Stimmen meiner Kolleg:innen Rebecca Stahlhut, Jörg Neubauer und Tobias Bieri – jede und jeder bringt eine ganz eigene Farbe mit, und genau diese Vielfalt macht unseren Gesamtklang so besonders. Insgesamt ist es eine Produktion, die mich sehr berührt und die ich wirklich im Herzen trage. Wir arbeiten auf Augenhöhe, mit viel Vertrauen und gegenseitigem Respekt – und ich glaube, genau das spürt man auch als Publikum.

Blimu: Mit »Songs for a New World« stehen Sie auch wieder einmal Open-Air auf einer Bühne – etwas, das Sie, wenn ich Ihren Lebenslauf aufmerksam genug gelesen habe, bisher nur zweimal gemacht haben. Ist dies für Sie eine besondere Herausforderung, weil man sozusagen mit jedem Wetter leben muss, oder eine besondere Freude, weil die Musik gerade vor der Kulisse des Schlosses an schönen Sommernächten noch mehr Magie entfalten kann?

BO: Mein letztes wirkliches Open-Air-Stück liegt tatsächlich schon sehr lange zurück – ich glaube, das war 2008. Umso spannender ist es jetzt, wieder unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Im Moment erleben wir gerade eine extreme Hitzewelle, deshalb bin ich sehr gespannt, wie wir das bei diesen Temperaturen umsetzen werden. Lichtschutzfaktor, Kopfbedeckung und literweise Wasser bei den Proben sind auf jeden Fall ein Muss.
Grundsätzlich liebe ich es aber, Open Air zu spielen. Gerade die Kulisse mit dem Schloss im Hintergrund hat eine ganz eigene, fast magische Ausstrahlung – vor allem in den Abendstunden. Natürlich drücken wir uns alle die Daumen, dass das Wetter mitspielt, da wir nicht überdacht sind. Und ich hoffe ehrlich gesagt auch, dass sich keine allzu großen Käfer für unsere Vorstellung interessieren – denn das sind Lebewesen, die meine Melodien spontan ein bisschen verändern könnten, wenn sie mir zu nahekommen.
Aber genau das macht ja auch den Reiz aus: Diese besondere Atmosphäre, die Unmittelbarkeit und die kleinen Ungewissheiten, die einen Open-Air-Abend so einzigartig machen. Danke an das Theater Nordhausen und die Thüringer Schlossfestspiele, dass sie dieses wundervolle Musical auf die Bühne bringen.