CD des Monats: September 2026

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Rent

Original Broadway Cast 1996

Keine Ouvertüre, keine opulente Ensemblenummer als Opening, sondern nur eine E-Gitarren-Saite, die in rhythmischen Achteln gestimmt wird – so hatte wohl noch kein großes Broadway-Musical begonnen. Als »Rent« am 26. Januar 1996 seine Uraufführung am New York Theatre Workshop erlebte, war das kommerzielle Musiktheater noch von den überwiegend aus Europa stammenden Mega-Musicals von Andrew Lloyd Webber oder Boublil/Schönberg dominiert. Disney fing mit »Beauty And The Beast« gerade erst an, sich auf dem Theatermarkt zu etablieren, Frank Wildhorn hatte seine große Zeit noch vor sich, Stephen Sondheim hatte zwei Jahre zuvor mit »Passion« sein (was man damals noch nicht wusste) letztes Großwerk abgeliefert.

Aber dann kam dieser Protegé Sondheims namens Jonathan Larson und präsentierte mit »Rent« seine kühne Vision eines modernen Musical-Theaters: Realistische Figuren mit echten Problemen, dazu knackige, von einer nur fünfköpfigen Band rau und druckvoll gespielte Rockmusik. Es war, als bekäme der Broadway eine Frischzellenkur verpasst mit einer Extradosis Realität und zeitgenössischer Musik. Larson nahm die Grundzüge der Handlung von Giacomo Puccinis Oper »La Bohème«, versetzte sie ins New Yorker East Village der späten 1980er/frühen 1990er Jahre, brachte seine eigenen Erfahrungen in die Geschichte einer Gruppe junger (Lebens-)Künstler:innen ein, die sich bemühen, irgendwie den Lebensunterhalt zu bestreiten, ihre Karrieren in Gang zu bringen und nebenbei einfach mit Aids (das als Krankheit die Tuberkulose aus der Vorlage ersetzt) zu überleben. Dass »Rent«, an dem Larson jahrelang gearbeitet hatte, wenige Monate später an den Broadway wechseln, dort mit Preisen überhäuft werden und zwölf Jahre lang laufen würde, dass es weltweit gespielt, verfilmt und auch in London und New York in regelmäßigen Abständen wiederaufgeführt werden würde, sollte der Komponist nicht mehr erleben: Am Morgen der ersten Preview starb Jonathan Larson überraschend mit nur knapp 36 Jahren an einer Aortendissektion.

Sein tragischer Tod im Augenblick seines endgültigen Durchbruchs trug sicherlich zur medialen Aufmerksamkeit bei, die »Rent« zuteilwurde. Dass ohne die traurigen Umstände der große Erfolg ausgeblieben wäre, wie gelegentlich böse Zungen behaupten, kann man getrost von der Hand weisen: Unterzieht man die Broadway-Castaufnahme nach 30 Jahren einer erneuten Begutachtung, kann man nur konstatieren, wie gut das Werk (trotz seiner konkreten Zeitbezüge) gealtert ist. Es wirkt nach wie vor frisch, mitreißend und berührend; zurückblickend wird auch deutlich, wie stark die Impulse waren, die dieses Werk in der Musicallandschaft gesetzt hat. Es brachte Rock und allgemein die populäre Musik wieder zurück auf die Theaterbühne; es eröffnete strukturell und dramaturgisch neue Wege, wie Musicals gebaut sein können und womit sie sich inhaltlich beschäftigen dürfen. Vor allem aber wird mit Abstand noch einmal deutlich, dass »Rent« einfach handwerklich extrem gut geschrieben ist. Wie sich Rezitative, durchkomponierte Szenen und Songs zu einem durchgehend fließenden Ganzen verbinden, wie die großen Nummern ebenso als alleinstehende Lieder funktionieren wie als handlungstragende Sequenzen, wie es gerade auch die kurzen, oft nicht einmal zweiminütigen Titel sind, die in nur wenigen Versen die Figuren intensiv zeichnen – das ist einfach sehr gut gemacht. Dazu kommen noch Jonathan Larsons kluge Texte und sein Talent für Melodien, die ins Ohr gehen, aber jederzeit der Situation und den handelnden Charakteren verpflichtet bleiben. Der Titelsong kickt nach wie vor; Tracks wie ›One Song Glory‹, ›Out Tonight‹, ›Another Day‹, ›La Vie Bohème‹, ›Happy New Year‹, ›Take Me or Leave Me‹ oder ›What You Own‹ reißen immer noch mit, während ›Will I?‹, ›I’ll Cover You‹, ›I Should Tell You‹, ›Without You‹, ›Goodbye Love‹ oder ›Your Eyes‹ noch immer unter die Haut gehen. Und dann ist da natürlich noch ›Seasons of Love‹, der größte Hit der Show, der längst ein Eigenleben außerhalb seines ursprünglichen Stückkontextes führt und dessen Botschaft (leider) nie an Aktualität zu verlieren scheint.

Es gibt viele verschiedene Aufnahmen von »Rent«; die längst gestrichene und oft zu hohen Preisen auf dem Gebrauchtmarkt gehandelte Doppel-CD zur Düsseldorfer Produktion von 1999 hatte zwar ein starkes Ensemble, litt aber an der ungelenken ersten deutschen Übersetzung von Heinz Rudolf Kunze (die längst durch Wolfgang Adenbergs Neuübertragung ersetzt wurde) sowie an einer technisch nicht einwandfreien Liveaufnahme. Der Filmsoundtrack von 2005 war vielleicht ein wenig zu steril geraten; das Album zum Live-on-TV-Event von 2019 brachte zwar mit Streichern neue Klangfarben ein – aber als Referenzversion bleibt die Original-Broadway-Cast-Einspielung von 1996 unerreicht. Das Doppelalbum enthält (abzüglich einiger gesprochener Passagen) die komplette Partitur (sofern man nicht zur ebenfalls erhältlichen 1-CD-Highlights-Fassung greift) und punktet mit der umwerfenden Leistung der Ur-Besetzung um Anthony Rapp, Adam Pascal, Daphne Rubin-Vega, Jesse L. Martin, Wilson Jermaine Heredia, Idina Menzel, Fredi Walker und Taye Diggs. Viele von ihnen wurden durch »Rent« zu Stars, das Musical selbst zum Welterfolg. Es wird immer die Frage bleiben, was geschehen wäre, wenn Jonathan Larson nicht so früh gestorben wäre, was für spannende Musicals er noch geschrieben hätte. Mit »Rent« hat er jedenfalls ein Werk abgeliefert, das bleiben wird.

Fazit: Nach wie vor die beste Aufnahme dieses bahnbrechenden Musicals und ein Muss für jede Sammlung.

43 Titel

CD 1 73 min, CD 2 53 min

Doppel-CD im Jewelcase mit 36-seitigem Booklet mit Credits, Liner Notes, Synopsis, Songtexten und Fotos

Titelliste:

Disc 1:

01. Tune Up #1

02. Voice Mail #1

03. Tune Up #2

04. Rent

05. You Okay Honey?

06. Tune Up #3

07. One Song Glory

08. Light My Candle

09. Voice Mail #2

10. Today 4 You

11. You’ll See

12. Tango: Maureen

13. Life Support

14. Out Tonight

15. Another Day

16. Will I?

17. On the Street

18. Santa Fe

19. I’ll Cover You

20. We’re Okay

21. Christmas Bells

22. Over the Moon

23. La Vie Bohème

24. I Should Tell You

25. La Vie Bohème B

 

Disc 2:

01. Seasons of Love

02. Happy New Year

03. Voice Mail #3

04. Happy New Year B

05. Take Me or Leave Me

06. Seasons of Love B

07. Without You

08. Voice Mail #4

09. Contact

10. I’ll Cover You (Reprise)

11. Halloween

12. Goodbye Love

13. What You Own

14. Voice Mail #5

15. Finale A

16. Your Eyes

17. Finale B

18. Seasons of Love (Alternative Version)