Chess
Broadway Revival Cast 2025
Seit der Veröffentlichung des ursprünglichen Konzeptalbums 1984 lieben Pop- und Musical-Fans auf der ganzen Welt die grandiose Partitur der Ex-ABBA-Männer Benny Andersson und Björn Ulvaeus; seit der Londoner Uraufführung 1986 gibt es Diskussionen und Kritik rund um das Libretto von Tim Rice. Zu verworren die Handlung, zu unsympathisch die Charaktere – das sind nur zwei der Punkte, die immer wieder gegen das Buch ins Feld geführt wurden, weshalb in den Jahrzehnten seit der Weltpremiere für fast jede neue Produktion des musikalisch so beliebten Werks neue Fassungen angefertigt wurden. (Mir sei die persönliche Bemerkung gestattet: In keiner der diversen Versionen, die ich live oder auf DVD gesehen habe, kam mir die Handlung verworren vor. Es handelt sich nun einmal um eine Allegorie auf den Kalten Krieg, angesiedelt in der Welt des Schachspiels, das seinerseits als durchaus naheliegende Metapher für politische Ränkespiele dient… Gerade heute scheint der Stoff wieder aktueller denn je seit seiner Entstehung in den 1980er Jahren.)
Viele Hoffnungen auf eine »definitive Version« waren mit dem namhaft besetzten Broadway-Revival verbunden, das im Herbst 2025 im Imperial Theatre an den Start ging und unlängst die Schließung für den 21. Juni angekündigt hat. Es handelte sich um die erste vollwertige Produktion in New York seit dem Flop der ersten Broadway-Fassung 1988. Michael Mayer inszenierte; Danny Strong schrieb ein neues Buch, dessen Effekt auf Wirkung und Qualität der Show man angesichts der jüngst veröffentlichten Castaufnahme leider nur begrenzt beurteilen kann. Denn wie so oft in jüngster Zeit ist das Album zunächst nur in digitaler Form als Stream oder Download erhältlich; es gibt ergo kein Booklet mit einer Synopsis, die die zahlreichen Umstellungen in der Songreihenfolge in einen inhaltlichen Kontext rückt. Wer das Stück in Grundzügen kennt, kommt trotzdem ganz gut mit. Strong verwendete Elemente zahlreicher früherer Fassungen des Musicals. Eine interessante Entscheidung ist beispielsweise, den seinerzeit für die erste Broadway-Produktion hinzugefügten Hit ›Someone else’s story‹ ganz ans Ende nach dem ›Endgame‹ zu platzieren. Das verleiht nicht nur der Figur der Florence mehr Gewicht, sondern erhöht auch die emotionale Wucht des Songs.
Die Tatsache, dass es sich hier bisher nur um einen digitalen Release handelt (eine Veröffentlichung auf Vinyl und CD ist für später in diesem Jahr geplant, aber eine Besprechung an dieser Stelle ergab mit Blick auf unser Broadway-Special in der Juni-Ausgabe Sinn), ist aber schon so ziemlich der einzige Kritikpunkt. Vor allem muss man nach Anhören der 33 Tracks starken, mit gut anderthalb Stunden Laufzeit musikalisch ziemlich vollständigen Neuaufnahme konstatieren, dass Musical Supervisor Brian Usifer einen fantastischen Job gemacht hat, die Originalorchestrierung von Anders Eljas zu adaptieren. So eine perfekte Balance aus Broadway- bzw. Theatermusik und der Welt von Rock und Pop hat man bei dieser Partitur selten gehört, die in sich ja schon im weiten Feld zwischen großer romantischer Oper, 80er-Jahre-Pop, Rap und Hard Rock so ziemlich alle Stilistiken bedient. Wer die Musik von Andersson und Ulvaeus gut kennt, darf sich auf ein wahres (Nerd-)Vergnügen freuen, neue Details in der Instrumentierung zu entdecken und die aktuelle Aufnahme mit bisherigen Versionen zu vergleichen.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht aber natürlich die Starbesetzung. Ausgerechnet Lea Michele als Florence lässt auf diesem Album Wünsche offen – zwar singt sie ihre zahlreichen grandiosen Nummern mit exzellenter Powerstimme, aber sie lässt eine differenzierte emotionale Charakterisierung dieser oft die Partner und Seiten wechselnden Frau vermissen. Stärke und Härte dominieren ihr Porträt – vielleicht auch eine Regieentscheidung, aber man hätte doch gern ein paar weitere Facetten gehört. Wesentlich berührender agiert da Hannah Cruz in der immer etwas im Schatten stehenden Rolle der Svetlana. Aaron Tveit liefert als Freddie Trumper eine brillante, höchst theatralische Performance ab – die Wandlungen und Häutungen dieses vielschichtigen, nie wirklich greifbar scheinenden Charakters bringt er hervorragend rüber. Daneben verblasst Nicholas Christophers Darbietung als Anatoly fast ein wenig (rollenbedingt), aber allein sein ›Anthem‹ ist hörenswert. Bryce Pinkham als schmieriger Arbiter und Bradley Dean als Sowjet-Karikatur Molokov ergänzen die Solistenriege. Ihrer aller Leistungen unterstreichen, dass »Chess« eines der kompositorisch stärksten Musicals der letzten vierzig Jahre ist – egal, was man vom Libretto halten mag.
Fazit: Sehr gute Neuaufnahme einer wunderbaren Partitur.
33 Titel
93 min
Digitaler Release
Titelliste:
- Overture
- Difficult And Dangerous Times
- Where I Want To Be
- Pity The Child #1
- Merano
- What A Scene/What A Joy
- Press Conference
- The Arbiter
- Chess Match #1
- Quartet (A Model Of Decorum And Tranquility)
- 1956, Budapest Is Rising
- Nobody’s Side
- Mountain Duet
- Florence Quits
- Pity The Child #2
- Heaven Help My Heart
- Anatoly & The Press
- Anthem
- Golden Bangkok
- One Night In Bangkok
- He Is A Man, He Is A Child
- The Soviet Machine
- The Interview
- You And I
- The Deal (Pt. 1)
- The Deal (Pt. 2)
- Pity The Child
- I Know Him So Well
- Endgame (Pt. 1)
- Endgame (Pt. 2)
- Someone Else’s Story
- You And I (Reprise)
- Epilogue

