Leonard Bernstein war Komponist, Dirigent und Wegbereiter des Musicals. Das zeigt sich auch bei seinem wohl wildesten Stück: »MASS«. Hamburgs Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber inszeniert das Werk weit über die gewohnte Vorstellungskraft hinaus.
Ausverkauft. Von den rund 2.100 Plätzen im großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie waren am 24. Mai für »MASS: A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers« von Leonard Bernstein keine Karten mehr zu haben. Und trotzdem bleiben ganze Saalabschnitte frei. Auch das Orchester ist nur halb besetzt, als das Licht ausgeht und die Musik beginnt … Alles Teil der Inszenierung.
Zunächst tauchen einzelne Künstler zwischen den Gängen auf, dann ziehen feierlich der Rest des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg sowie die Hamburger Alsterspatzen und der Hamburger Knabenchor ein und pendeln zwischen Bühne und Zuschauerraum. Mit über 200 Mitwirkenden hat Leonard Bernstein ein spektakuläres Musiktheaterstück geschaffen, das zu den wildesten und lautesten Werken der Orchesterliteratur zählt. Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber sorgt vom ersten Takt an dafür, dass auch das visuelle Vergnügen nicht zu kurz kommt.
Der Amerikaner Bernstein gilt als einer der bedeutendsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Er war Komponist, Dirigent, Pianist und Wegbereiter des Musicals, aber auch Musikpädagoge und politischer Aktivist, der sich in der Bürger- und Friedensbewegung engagierte. Diese Vielseitigkeit spiegelt sich in seinen Werken wider. In »MASS« trifft Sakralmusik auf Rock, Blues, Gospel und Jazz. Das zweistündige Stück wird durch Tanz und Performance ergänzt sowie durch Licht- und Videoinstallationen in Szene gesetzt. Aufgeführt im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg, einem der wichtigsten Klassik- und Musikfestivals Deutschlands, setzt das Stück um die Sinnkrise eines Priesters (Will Liverman) und seiner Gemeinde den Schlusspunkt der diesjährigen Saison.
»Für mich als Dirigenten ist Bernsteins ›MASS‹ eine Feier des Lebens – widersprüchlich, laut, verletzlich«, so Omer Meir Wellber. Doch es ist auch ein Werk, bei dem der Zweifel das zentrale Thema ist: Der Zweifel an Gott, am Sinn des Lebens und an einer Politik, die Kriege führt. Überaus aktuell also.
Bernstein komponierte das Werk im Auftrag von Jacqueline Kennedy, die sich von ihm ein Stück zur Eröffnung des John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington am 8. September 1971 wünschte. Das Werk entstand somit vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs. Auch deshalb warnte das FBI den amtierenden Präsidenten Richard Nixon davor, die Uraufführung zu besuchen. Bernsteins regierungskritische Haltung war ebenso bekannt wie die emotionale Kraft seiner Werke. Und die weiß Wellber auch in Hamburg wirkungsvoll in Szene zu setzen: Die zweifelnde Gemeinde dringt mit wachsender Wut auf ihren Priester ein, sie fordert Frieden. Jetzt. Und dauerhaft.
Diesen Aufruhr lässt Wellber Musiker und Sänger körperlich ausdrücken. Das Orchester springt auf, spielt im Stehen und der schwarz gewandete Chor wogt gewaltig hin und her, bis der Priester zusammenbricht. Gänsehaut pur. Der Bernstein-Biograf Humphrey Burton nannte »MASS« eine perfekte Synthese zwischen Broadway und Konzertsaal.
Wellber macht aus der halbszenischen Inszenierung eine rundum stimmige Sache. Vor und nach der Vorstellung sorgen Ballett- und Breakdance-Einlagen sowie Chorpartien im Foyer für Stimmung. Die Zuschauer erhalten beim Eintritt in den Saal ein eigens entwickeltes »Tagebuch«, das zum einen durch die 17 Abschnitte von »MASS« führt, zum anderen zu Reflexionen über die eigene Haltung zu Gott, den Sinn des Lebens oder Krieg und Gewalt auffordert. QR-Codes bieten zudem Zugang zu Meditationen oder ergänzenden Musikstücken.
Aufgegriffen wird der reflektierende Ansatz durch Sandwich-Men und -Women, die durch die verschiedenen Foyer-Flächen wandeln. »Woran glauben Sie?«, »Wie drücken Sie Ihre Liebe aus?« oder »Was oder wer macht Ihnen Hoffnung?« steht auf ihren Plakaten, und das Publikum ist eingeladen, eigene Gedanken dazuzuschreiben. Wer will, findet ein offenes Ohr auf den »Beicht-Balkonen« oder faltet an einer Bastelstation Origami-Kraniche – neben der Taube mit dem Olivenzweig ein klassisches Symbol für Frieden und Hoffnung. Schließlich ist Pfingstsonntag.
Dies ist eine stark gekürzte Version des Artikels, der über die Aufführung sowie über das Leben und Wirken Leonard Bernsteins in der kommenden Ausgabe der blickpunkt musical erscheint.

