Nie wieder ist jetzt. In Zeiten des russischen Krieges gegen die Ukraine, der AfD als stärkster Partei in Teilen Deutschlands und des Bedeutungsverlusts des Geschichtsunterrichts an den Schulen (worüber im Pressegespräch zu dieser Produktion schon der Hamburger Geschichtslehrer Bernd Ruffer klagte, der die Begleittexte für Schulen schrieb) sind thematische Theaterstücke und Musicals wie »SCHOLL – Die Knospe der Weißen Rose« und »Die Weiße Rose« wichtiger denn je.
2025 ging mit der Uraufführung der »Weißen Rose« am Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen ein lang gehegter Traum von Alex Melcher (Musik, Songtexte, Arrangements; zusätzliche Arrangements von Marc Tritschler) in Erfüllung. Jahrelang beschäftigte ihn und seine Partnerin Vera Bolten (Buch, Songtexte, Regie) die Arbeit an dem Stück – die Idee entstand schon 1997, und seit 2019 arbeiteten sie intensiv daran, wie Alex Melcher im Nachgespräch nach der Premiere erzählte. Die Arbeit hat sich gelohnt: Das in sich überaus stimmige Musical geht derzeit auf Tournee in sechs Städte. Den Anfang machte Berlin.
Die Grundlage für »Die Weiße Rose« bilden Verhörprotokolle, Briefe und Zeitzeugenberichte der damaligen Ereignisse rund um die Widerstandskämpfer und Sympathisanten der Gruppe. Die Zeugnisse wurden künstlerisch verdichtet und lassen auf diese Weise eine Poesie entstehen, die jedoch nicht romantisiert. Für die zeitliche Einordnung sorgen Angaben von Ort und Jahr sowie Kontextbegriffe.
Das Bühnenbild von Marcus Bendel ist geprägt von Würfelelementen und Koffern, die als Sitzgelegenheit, Tisch oder andere symbolische Elemente dienen. Dadurch ist das Set sehr flexibel und die Übergänge zwischen den Szenen gelingen fließend.
Aufgrund des durch die Requisiten, seitliche fahrbare Treppen, einen Laufsteg über der Bühne und die Leinwand reduzierten Bühnenbilds können das Schauspiel (unter Boltens Regie), die Musik von Melcher und die Choreografien von Bart de Clercq voll wirken. Letztere sind klar und kraftvoll: Der getanzte Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel stellt zärtlich eine Verbindung zwischen den beiden dar und zeigt auch bei der zweiten derartigen Szene im zweiten Akt, wie viel dunkler das Leben im Laufe des Krieges für alle geworden ist.
Die Musik für »Die Weiße Rose« ist modern und zeitlos zugleich sowie ungemein dynamisch. Als Ventil für Emotionen und Stimmung ist hier genauso Platz für ruhigere, harmonische Klänge wie für rockig-aggressive, die Unruhe, Wut, Widerstand und Verzweiflung ausdrücken. Unter der musikalischen Leitung von Johannes Still reißt das Spiel der Band, die auf der Hinterbühne zu sehen ist, mit. Dass der Sound glasklar beim Publikum ankommt, ist Sven Raff zu verdanken. Andreas Hönig taucht die Bühne in ein stimmungsvolles Licht – mal bedrohlich düster, mal romantisch, mal in weiches Abendlicht. Franziska Wüst hat sich dafür ein dunkles Kostümkonzept ausgedacht, aus dem nur die einheitlichen Halstücher der NS-Organisationen und vor allem Sophies rote Jacke hervorstechen.
In den verschiedenen Rollen steht die hervorragende Cast der Uraufführung auf der Bühne. Friederike Zeidler singt die Sophie Scholl mit klarer, eindringlicher Stimme, während Jonathan Guth als Hans Scholl aktiv handelt und die Gruppe spürbar anführt. UdK-Abgänger Adam Demetz zeigt als Alexander Schmorell seine Zerrissenheit ob der Lage in Russland eindrücklich und überzeugt mit seiner Stimme besonders in den rockigen Parts. Alle Darsteller wissen zu überzeugen und stehen aufgrund des reduzierten Bühnenkonzepts im Vordergrund.
Albert Gaßmann hat als Christoph Probst wunderschöne Lieder, wie zum Beispiel ein berührendes Wiegenlied, das er für seine neugeborene Tochter singt. Seiner Figur hätte man das Familienglück von Herzen gewünscht, weshalb Probsts Ende den Zuschauer besonders stark trifft. Mit schauspielerischer Intensität sticht auch Daniel Berger heraus, vor allem als bedrohlicher Roland Freisler, Strafrichter des Volksgerichtshofs.
Die weiteren Charaktere erfüllten ihre Rollen allesamt überzeugend: Julius Störmer als Willi Graf, Martin Planz, der in seinen beiden Rollen als Vater Scholl wie als Professor Huber das Gewissen verkörpert, Claudia Dilay Hauf als Mutter Magdalena Scholl, die zunehmend verzweifelt versucht, ihre Familie vor den Gefahren des Widerstands zu bewahren, sowie Tamara Köhn als Freundin Traute Lafrenz, Juliette Lapouthe als sympathisierende Schwester Inge Scholl und Louis Dietrich als Fritz Hartnagel (der nach dem Krieg Sophies Schwester Elisabeth heiratete).
»Die Weiße Rose« wurde zu Recht unter anderem als »Bestes Musical« beim Deutschen Musical Theaterpreis ausgezeichnet (und gewann in den Kategorien »Bestes Buch« und »Bestes Videodesign« auch zwei deutschsprachige Musicalawards 2025). Damit wird der Mut des Teams belohnt, eine Produktion zu einem der schwierigsten Themen unserer Zeit auf die Beine zu stellen: den Mut junger Menschen, gegen ein unmenschliches System aufzustehen. Es bleibt zu hoffen, dass das Stück trotz und gerade wegen des schwierigen Themas noch viele Zuschauer finden wird. Zunächst sind Düsseldorf, München, Füssen, Stuttgart und Köln die Stationen der diesjährigen Tournee – inklusive Schülervorstellungen und einer thematisch aufbereiteten Ausstellung.
Auch in der heutigen Zeit ist wieder gesellschaftlicher Widerstand gefragt: Einer der Mitwirkenden erinnerte im Nachgespräch an den Aufstieg der AfD, besonders mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wie eingangs gesagt: „Nie wieder“ ist jetzt.
Von Rosalie Rosenbusch und Merit Murray
Dies ist eine gekürzte Version des Artikels, der in der kommenden Ausgabe der blickpunkt musical erscheint.

