Wirtschaftskraft und Kulturauftrag: Das Festspielhaus Neuschwanstein setzt ein Ausrufezeichen in Richtung Förderungswürdigkeit von Musical

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Es ist mal wieder die Jahreszeit, in der Theater ihre Wichtigkeit mit Zahlen unterstreichen und so die vergebenen Fördergelder verteidigen (wie gerade in Berlin geschehen) oder wahlweise eindrucksvoll darstellen können, dass die momentan fließenden Gelder bei Weitem nicht dem Mehrwert entsprechen, den das Theater für die Umgebung und die dort lebenden Menschen generiert. Um die Begrifflichkeiten vorab zu klären: Was auf politischer Ebene oft salopp als »Subvention« abgetan und als streichbare Leistung dargestellt wird, heißt offiziell nicht ohne Grund Kulturförderung. Hier fließt kein Geld ohne Gegenleistung – im Gegenteil: Die Theater erfüllen mit ihrem Bildungs- und Kulturauftrag eine wesentliche staatliche Pflichtaufgabe, die unsere Gesellschaft bereichert.

Das Musical wird in diesem Bereich oft nicht anerkannt, da es »zu gut« funktioniert. Kommerzielle Großproduktionen haben gezeigt, dass sie sich selbst tragen können – weshalb das Genre im deutschsprachigen Raum oft pauschal nicht zur »Hochkultur« gezählt wird. Neben der Genrevielfalt werden dabei auch andere Aspekte von der Politik völlig missachtet: Es kann keine Großproduktionen geben, wenn sich keine kleineren Bühnen entwickeln können. Genau dort werden die nötigen Erfahrungen gesammelt, Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen.

Das Fördergelder aber bestinvestiertes Geld ist, kann das Festspielhaus Neuschwanstein nun dank einer aktuellen wissenschaftlichen Untersuchung des Institutes für nachhaltige und innovative Tourismusentwicklung der Hochschule Kempten belegen. Die Studie, die unter der Leitung von Prof. Alfred Bauer durchgeführt wurde, untersucht die regionalwirtschaftlichen Effekte des Kulturbetriebs. Sie stützt sich dabei auf eine breite Datenbasis und zeigt nicht nur, dass die Gäste des Festspielhauses tatsächlich extra für das dort gebotene Programm anreisen und das Haus mit seinen Besucherzahlen das zweitmeistbesuchte Theater Bayerns war (nur die Staatsoper in München hatte mehr Besucher) – die Studie bietet auch noch einen ganz anderen, wirtschaftlich sehr wichtigen Einblick: den sogenannten Return on Investment (ROI).

Und genau hier wird es spannend. Da das Festspielhaus Neuschwanstein nicht das erste Theater ist, das solche Erhebungen veranlasst hat, findet man schon so einige Studien – zuletzt zum Beispiel vom Staatstheater Regensburg, das ebenfalls eindrucksvoll aufzeigen konnte, dass jeder investierte Fördergeldeuro 1,60 Euro in die Wirtschaft zurückbrachte – eine Quasiverzinsung für das staatlich eingesetzte Geld, von der jeder Anleger nur noch träumen kann. Es geht aber noch besser: Die Oper Leipzig zum Beispiel hat einen ROI von 2,04 Euro. Die Vereinigten Bühnen Wien haben einen von 2,34 Euro, quer durch die Kultursparten Berlins wurde gerade ein ROI von 3,50 Euro ausgegeben – und die Semperoper schlägt quasi alle hochgeförderten Häuser mit 3,90 Euro ROI.

Und nun also das Festspielhaus Neuschwanstein: Dank der gerade ausgerechneten Zahlen steht fest, dass der ROI bei knapp 13,40 Euro liegt. Dieses beeindruckende Ergebnis liegt allerdings nicht an der Tatsache, dass das Allgäu nur äußerst reiche Menschen anzieht, die dort voll Überschwang urlauben, sondern dieses Ergebnis hängt damit zusammen, dass das Haus gerade einmal auf gut fünf Euro Fördergeld pro Sitzplatz zugreifen darf. Und auch hier lohnt sich der Blick zu den oben aufgeführten Theatern: Die Semperoper Dresden bekommt eine Förderung von 248 Euro pro Sitzplatz, die Oper Leipzig von 238 Euro, bei den Vereinigten Bühnen Wien liegt die Förderung bei 79 Euro und das Theater Regensburg erhält ca. 125 Euro pro Platz.

Wer sich jetzt darüber wundert, dass die Vereinigten Bühnen Wien so eine vergleichsweise niedrige Förderung pro Sitzplatz bekommen, erhält eine einfache Antwort: Weil die dort gespielten Musicals einen vergleichsweise hohen Ertrag haben. Das ist wohl an allen oben genannten Mehrspartenhäusern so, nur dass an den anderen Häusern diese Erträge durch die sogenannte ernste Musik wieder aufgefressen werden. Die vermeintlich seichte Unterhaltungsform Musical stützt also, wie so oft, die Wirtschaft am stärksten.

Mit dieser Erkenntnis und den oben genannten Zahlen darf und muss man sich auch die Frage stellen: Wie sinnvoll bzw. wie nah an den Bedürfnissen des Publikums werden Förderungen heutzutage noch von den entsprechenden Stellen im Land vergeben? Und warum genau wird das Musical bei eben diesen Stellen noch immer als minderwertiges Produkt gesehen? Stücke, die Geschichte aufarbeiten und damit Menschen erreichen, die sonst nie erreicht werden würden? Stücke, die Zuschauer in die Theater ziehen, die sonst den Weg dorthin nicht finden würden – aber durch die beeindruckenden Erlebnisse offen für weitere Abende dort werden? Vielleicht auch Stücke, die einfach nur auf sehr intelligente Weise unterhalten und die Zuschauer von den Problemen der Gegenwart ablenken? Immer auf jeden Fall Stücke, die Ausbildungs- sowie Arbeitsplätze generieren, Gebäude erhalten und die, wie man oben lesen kann, weit über den eigentlichen Theaterbetrieb hinaus die Infrastrukturen der Regionen stützen.

Manfred Rietzler hat mit dem Kauf des Theaters vor zehn Jahren sichergestellt, dass die Arbeitsplätze von insgesamt 170 Mitarbeitern erhalten bleiben. Mit seinem Team, allen voran Intendant Benjamin Sahler, wurde ein Theaterbetrieb geschaffen, der sich über die Jahre einen überregionalen Ruf erarbeitet hat. Auch wenn das Schloss Neuschwanstein der unangefochtene Tourismusmagnet im Allgäu ist, so darf man die knapp 200.000 Gäste nicht unterschätzen, die nur wegen des Theaters nach Füssen reisen. Zu den jährlichen Uraufführungen (und natürlich Wiederaufnahmen der erfolgreichen Stücke) kommen auch die Musicalschule mit 260 begeisterten Kindern, die hier die Welt des Theaters kennenlernen dürfen, sowie, ganz neu, die Akademie, die kommende Darsteller ausbildet. Umso irritierender ist es, dass so stark um weitere staatliche Fördergelder gekämpft werden muss.

Vielleicht erleichtern die Zahlen die kommenden Verhandlungen mit der Politik. Um sich aber nicht nur darauf zu verlassen und um die in den vergangenen Jahren massiv gestiegenen Kosten etwas mehr abzufedern, öffnet sich das Festspielhaus nun als gemeinnützige GmbH für Mäzene, Sponsoren und Unterstützer jeder Art. Michael Drautz, ehemaliger Geschäftsführer des Festspielhauses Baden-Baden, hat dieses Programm mit ausgearbeitet: Der Mäzenatenkreis hat ein Stufenmodell (Bronze, Silber, Gold) für private Förderer, Spenden sind nun steuerlich abzugsfähig. Der Unternehmerkreis bietet Firmen der Region neben Ticketkontingenten und Lounge-Zugang auch Leadership-Workshops mit der hauseigenen Akademie.

Und auch wenn solche Schritte schon immer kulturfördernd und notwendig waren (so auch bei den klassischen, sehr prominenten Beispielen wie den Osterfestspielen Salzburg oder auch dem weltberühmten Bayreuth, die ohne Sponsoren und Förderer nicht existieren könnten), so ist das Veröffentlichen der Studie Hochschule Kempten vor allem ein Zeichen dafür, dass die sogenannte Unterhaltungsmusik eine ernstzunehmende Wirtschaftsquelle ist, die auch staatlich endlich die Anerkennung in Form von Fördergeldern finden sollte, die ihr zusteht.