Die Abschlussarbeit der Absolventen der Stage School Hamburg ist spritzig, mitreißend und berührend
Maximal 30 Sekunden benötigt unser Gehirn, um unser Gegenüber einzuschätzen. Präsentiert sich dieses in Pink und Blond, ist das Urteil umso schneller und eindeutiger gefällt. Attraktiv? Ja! Intelligenz? Eher weniger … Elle Woods kommt als Hauptfigur in »Natürlich blond – Das Musical« als die Verkörperung dieses Klischees daher, was eine wunderbare Ausgangslage für eine herrlich bunte und temporeiche Inszenierung im First Stage Theater in Hamburg-Altona bietet. Auch dank Antonia Opp als Elle: stimmlich überzeugend, schauspielerisch souverän und von quirliger Bühnenpräsenz.
Die grobe Story der Musicaladaption des gleichnamigen Films mit Reese Witherspoon ist schnell erzählt: Junge verlässt Mädchen. Mädchen will ihn zurück, lernt im Zuge ihrer Bemühungen aber, dass sie den Kerl gar nicht nötig hat. Elle bei dieser Entwicklung zuzuschauen, macht richtig Spaß – gerade, weil die Klischees bis ins Äußerste zelebriert werden. Da sitzt jedes »OMG«, mit dem Elles Freundinnen aus der College-Verbindung Delta Nu den erwarteten Heiratsantrag seitens Warner Huntington III bekreischen. Und selbstverständlich beherrscht Elle ihre Outfits bis ins letzte, glitzernde Accessoire und verweist eine dreiste Verkäuferin mit einem »So blond bin ich nun auch wieder nicht« in ihre Schranken. Das gibt zugleich den roten Faden vor: Blond = dumm ist Elle Woods keineswegs. Herzlich, entschlossen und clever dagegen schon.
Wechsel vom College mit Hauptfach Mode an die juristische Fakultät der altehrwürdigen Harvard-Universität? Kein Problem für Elle, wenn auch aus hormongesteuerten Gründen. Schließlich hat Warner (Rasmus Meyer-Loos) sein neues, »ernstes« Leben in der gänzlich pinkbefreiten akademischen Welt begonnen – samt standesgemäßer Freundin an seiner Seite. Vivienne (Annabelle Hoogvliet), natürlich brünett, liefert eine überzeugende Wandlung von Abneigung zu Anerkennung, und das schauspielerisch wie stimmlich. Das steigert erheblich das Vergnügen am Zickenkrieg, den Elle ebenso meistert wie den (Uni-)Paragrafen-Dschungel und das Eintauchen in das Anwalts-Haifischbecken – mit Robert Schmelcher als wunderbar hinterhältigem Ober-Hai Professor Callahan. Und schließlich gilt es noch, eine ehemalige Delta-Nu-Schwester (Kim Hanfland: stark in Stimme und Body) vor einer Mordanklage zu retten.
Unterstützung erhält Elle dabei von »Pony«-Flüsterin Paulette (so berührend wie komisch und stimmlich absolut überzeugend: Laura Rittler) sowie von ihrem »griechischen Chor« (Luisa Bernert, Yasmine Huber und Anne Josephine Förster). Die drei beweisen, wie der gesamte Cast, in ihren wiederkehrenden Cheerleader-Auftritten so viel ansteckende Spielfreude, dass es das Publikum kaum auf den Sitzen hält. Choreografin Nicole Eckenigk weiß diese Energie klug zu kanalisieren, sodass die Spannung über die gesamte Showlänge von 140 Minuten (inklusive Pause zum Durchatmen) hält. Mit Regisseurin Franziska Kuropka (ihr »Kein Pardon – Das Musical« am First Stage Theater wurde im vergangenen Sommer mit dem Deutschen Musical Theater Preis 2025 in der Kategorie »Bestes Revival« ausgezeichnet) haben sich zwei Künstlerinnen gefunden, die zusammen eine überaus rasante und mitreißende »Natürlich blond«-Variante auf die Bühne bringen.
Allerdings passt das Stück auch ideal zum Hamburger Cast. Das Happy End auf der Bühne – Elle mit neuer Liebe (Lennard Ney in der Rolle des smarten und liebenswerten Emmett) und als strahlende Abschlussrednerin in Harvard – spiegelt das Happy End des 3. Jahrgangs der Stage School Hamburg wider. Das Musical ist die Abschlussarbeit von 32 frisch ausgebildeten Bühnenprofis. Ein ausgesprochen erfolgreicher Jahrgang, wie Dennis Schulze stolz bei seiner Premierenrede verkündet. »95 % unserer Auszubildenden haben die Prüfung bestanden. In meinem Jahrgang sind 35 % durchgefallen«, erinnert sich der Theaterleiter, der es vom ehemaligen Schüler zum Direktor der Stage School Hamburg und des First Stage Theaters gebracht hat.
Apropos Erfolg: Die Musicalfassung des Kinohits von 2001 ist ein Phänomen. 2007 startete »Natürlich blond« in San Francisco, kurz darauf am Broadway – fast 600 Vorstellungen lang. In nur einer Woche knackte die Show die Millionengrenze im Ticketverkauf und wurde Teil des legendären »Millionaire’s Club«. Die pinkfarbene Energie Elle Woods’ eroberte dann das Publikum in Seoul (2009), London (2010), Wien (2013) und Sydney (2012). 2011 wurde »Natürlich blond«, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Amanda Brown, mit dem Olivier Award als »Best New Musical« ausgezeichnet.
Das Musical ist im First Stage Theater noch bis zum 19. Juli zu erleben.

