blickpunkt musical: Herr Lingnau, Sie hatten gerade vor wenigen Wochen eine große Premiere mit »GOETHE! Das Musical« in weiter Ferne, genau genommen in Tokio. Das Stück ist ursprünglich ja in Zusammenarbeit mit Stage Entertainment entstanden. Wie kam es denn dazu, dass Stage Entertainment Ihnen damals den Entwicklungsauftrag gegeben hat?
Martin Lingnau: Nach der Premiere von »Wunder von Bern« kam Joop van den Ende auf uns zu und wollte von genau dem gleichen Kreativteam (Buch und Regie: Gil Mehmert, Songtexte: Frank Ramond, Musik: ich) eine zweite Produktion haben. Ihm war wichtig, dass in Deutschland von deutschen Teams Themen für ein deutsches Publikum entwickelt werden. Uns wurde in diesem Zuge ein Musical über die Jugendjahre Goethes auf der Basis des Films von Philipp Stölzl vorgeschlagen, dies gefiel uns sehr gut und wir sahen darin viel Potenzial: Wie wird aus dem unsicheren und verkannten Menschen über Nacht der erste Popstar der Welt? Quasi die »Coming-of-age-Geschichte Goethes«. Da Goethe bekanntermaßen ein Dichter war und wir ihn am Ende des Musicals als ersten Popstar der Welt behaupten wollten, fiel schnell die Entscheidung, dieses Musical in moderner Songform durchzukomponieren und so zu strukturieren, dass die Musik sich sozusagen reimt. Dies bedeutet, dass wir das Musical so aufgebaut haben, dass wirklich jedes Lied zweimal vorkommt, dann jedoch stets in einer umgedeuteten Version oder Variation, durchaus auch teilweise von einer anderen Rolle in einer völlig anderen Situation gesungen. Deswegen liegt mir »GOETHE!« wahrscheinlich auch so am Herzen, weil diese Struktur schon sehr besonders ist ‒ und auch weil es mein erstes durchkomponiertes Werk ist. Ich komponiere ja viele Comedy-Musicals, bei denen die Musik naturgemäß ein wenig in zweiter Reihe steht und dazu da ist, anhand von griffigen Songs die Geschichte mitzuerzählen. Diese Arbeit möchte ich hiermit nicht herabsetzen, es ist in meinen Augen die Königsdisziplin, da man sich über einen Zeitraum von 2 Stunden keine einzige Sekunde der Länge erlauben darf.
»GOETHE!« hingegen ist einfach ein Werk, wo die Musik einmal komplett im Vordergrund steht und mir das systematische Arbeiten mit Motiven ermöglicht hat.
Aber als wir es fertig hatten, wurde Stage Entertainment verkauft, und damit änderte sich deren Ausrichtung. So landete das gute Stück erst einmal in der Schublade, für uns alle sehr überraschend. Da kann man jedoch niemandem die Schuld zuschieben, das lag einfach an der anderen Steuerung des Konzerns.
blimu: Gemessen an Ihrer bewundernswert glattlaufenden Karriere war dies mal ein Stück, welches, von außen betrachtet, Holpersteine hatte.
ML: Ja. Unbedingt. Es war für mich etwas, was mich ehrlicherweise relativ beschäftigt hat, weil ich es in dieser Form nicht kannte, dass sich Dinge manchmal anders entwickeln, als man es erwartet hat. Und dies vor allen Dingen bei einem Projekt, welches man als »narrensicher« empfand.
Hier bin ich sicherlich ein wenig verwöhnt, daher war es im Nachhinein eine gute Schule. Ich konnte dadurch wachsen und lernen, wie schwer es normalerweise, bzw. auf jeden Fall für sehr viele Kreative, ist, überhaupt ein Stück auf die Bühne zu bekommen. Es gibt ja dieses Sprichwort: »Ein Musical zu schreiben ist gar kein Problem, aufgeführt zu werden hingegen schon«. Bitte fragt mich aber nicht, von wem es ist … Wir hatten zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass das Musical das gleiche Schicksal teilt wie unsere Hauptfigur in der Handlung: Ganz viel zu wollen, aber nicht zu dürfen. Festzustellen, wie schwer es ist, sich durchzukämpfen, dass es überhaupt nicht selbstverständlich ist, gesehen und anerkannt zu werden. Diese Parallelen zwischen dem Werdegang des Musicals und dem Inhalt sind tatsächlich ganz lustig, wenn man es so interpretieren möchte.
blimu: Es gab dann den Workshop in Essen und es folgte die Aufführung in Bad Hersfeld. Dies alles lag an euch, bzw. an euren Kontakten, aber die Rechte waren da noch immer bei der Stage Entertainment.
ML: Sie liegen auch jetzt noch immer komplett bei der Stage Entertainment. Sie haben uns damals gut dafür bezahlt, dass wir es schreiben. Ohne diesen Auftrag hätten wir es ja nie entwickelt. Das darf man beim Erzählen der Geschichte auch nicht vergessen. Und ich bin der Stage sehr dankbar, dass und wie sie die Zusammenarbeit mit der Takarazuka Company ermöglicht hat.
blimu: In Bad Hersfeld lief es dann in der »Corona-Fassung«.
ML: Ja, ohne Pause und ein wenig gekürzt. In einer der Vorstellungen war die japanische Regisseurin und Autorin Keiko Ueda. Sie wollte sich damals mit dem deutschen Markt vertrauter machen, hier vielleicht auch ein Stück weit Fuß fassen – aber nachdem sie das Stück gesehen hat, hat sich ihr Ziel geändert: Sie wollte unser Stück unbedingt nach Japan bringen! Keiko ist im Übrigen die erste Frau in der Geschichte der Takarazuka-Company, die als Regisseurin und Autorin arbeiten durfte. Sie hat dann tatsächlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, und so war jetzt »GOETHE!« das erste deutsche Musical, was von ihnen gespielt wurde und ich der erste deutsche Komponist, dessen Musik dort gespielt wurde. Zumindest sagen das unsere Recherchen, falls jemand etwas Anderes weiß, bitte sagen, wir wollen keine Lorbeeren, die wir nicht verdienen.
blimu: Wie lief denn die Zusammenarbeit?
ML: Keiko war ein paar Mal mit ihrem Team in Hamburg und wir haben auch sehr viel per Zoom gemacht. Erst jetzt am Schluss der Probenphase war ich eine Woche in Tokio. Ich bin zutiefst beeindruckt von dieser Frau, dass sie es tatsächlich hinbekommen hat, ihre Idee und das Stück durchzusetzen. Auch hier gibt es eine Spiegelung zur Handlung: Wenn jemand etwas wirklich möchte, auch gegen alle Vernunft, kann er/sie es schaffen.
blimu: Ja, wenn etwas aus dem Herzen kommt, was einfach raus muss, wird es immer seinen Weg finden.
ML: Ja, und ich hoffe, dass dies nun auch endlich der finale Knoten war, der bei »Goethe!« geplatzt ist, und dass dieses Musical nun seinen Weg auf viele Bühnen findet.
blimu: An Ihrem Geburtstag hatte das Stück dann Premiere – das ist beste Geburtstagsgeschenk, oder?
ML: Ja, das war tatsächlich unfassbar toll. Ich durfte in Japan viel lernen, vor allem in Sachen Hingabe und Passion, wie alle dort arbeiten und sich der Sache verschreiben. Völlig egal, ob das in der Kostümwerkstatt, als Tänzerin oder als Beleuchtungsmeister ist. Das war sehr beeindruckend. All dies in einem stets freundlichen, achtsamen Umgangston – ich habe wirklich sehr viel darüber lernen dürfen, wie man in einer wirklich unheimlich knappen Probezeit durch hundertprozentige Konzentration zu einem qualitativ wahnsinnig hohen Ergebnis kommt. Ich habe ja immer gewusst, dass es sich im Ergebnis niederschlägt, wie der Ton untereinander ist. Aber ich habe dies hier noch einmal auf einer anderen Ebene erlebt. Auch weil wirklich alle die Arbeit stets selbstverständlich über ihr eigenes Ego stellen. Was auch sehr beeindruckend war, war, wie hervorragend sie alle immer vorbereitet waren. Bei jedem einzelnen Meeting. Bei dem ersten Treffen in Hamburg beispielsweise hatten sie für jeden von uns einen ausgedruckten, bearbeiteten vorläufigen Klavierauszug dabei, nur um uns die möglichen Änderungen zu zeigen, die sie vorschlugen. Das waren wirklich viele, viele Kilos Papier, die sie von Japan nur für dieses eine Meeting hierhergebracht haben, und mir hätten für das erste Gespräch ja auch Verweise auf Taktzahlen gereicht. Aber dies ist nur ein kleines Beispiel.
blimu: Es gab die erste Fassung beim Reading, dann die Fassung an der Folkwang-Universität, dann die gekürzte Corona-Fassung und die »normale« in Bad Hersfeld. Die Aufführung in Tokio basierte dann darauf?
ML: Ja, aber für Tokio haben wir neue Dinge hinzugefügt, die jetzt auch sicher fester Bestandteil des Musicals bleiben. Wir haben beispielsweise das Pausenfinale erweitert und aus dem Solo von Lotte nach der Pause ein Duett entwickelt. Die inhaltliche Besonderheit in Tokio war ja die sehr besondere Theaterform, nämlich dass in der Takarazuka-Company traditionsgemäß alle Rollen von Frauen gespielt werden. Da »GOETHE!« durchkomponiert ist, mussten wir natürlich musikalisch alles von vorn bis hinten einmal anfassen und die Tonarten den Tonlagen der Sängerinnen anpassen. An dieser Stelle möchte ich mich bei Sebastian de Domenico bedanken, wir arbeiten ja bei vielen Musicals zusammen. Er schrieb für »GOETHE!« die Vocal-Arrangements und die Orchestration und dies ist bei einem durchkomponierten Musical eine sehr verzahnte Zusammenarbeit. Wir beide haben sehr intensiv gemeinsam an der japanischen Version gearbeitet und mussten das Regelwerk erst einmal richtig begreifen, was es bedeutet, wenn man nur den Frauen-Stimmumfang nutzen kann, so dass sie auch als Männerstimmen funktionieren. Aber das ist wie ein gutes Rezept: Wenn man es verinnerlicht hat, kann man es auf alles anwenden. Hier war ich zu Anfang auch ein wenig besorgt, wie dies bei unserem Musical funktioniert. Ob es an Ernsthaftigkeit und Variation verliert. Meine Gedanken hierzu waren jedoch sehr schnell verflogen, als ich den Proben beiwohnte. Es erzählt sich völlig selbstverständlich und man hat es nach einer Minute überhaupt nicht mehr hinterfragt.
blimu: Wie kam das Stück denn beim Publikum an?
ML: Es hat wahnsinnig eingeschlagen. Anders kann ich es nicht beschreiben. Normalerweise gibt es die Applausordnung und dann den Curtain Call, dann noch einer, aber dann war es das, so wurde es uns erzählt. Das bisherige Maximum in der 110-jährigen der Company waren drei Curtain Calls. Bei uns jedoch gab es fünf! Die gesamte Spielzeit war auch an einem Tag zu 100% ausverkauft. Das war schon mehr als beeindruckend, dies alles zu erleben, auch zu sehen, wie der Inhalt und die Form vom Publikum aufgenommen und wertgeschätzt wurden. Dies freut einen dann schon ein wenig.
blimu: Wie geht es da jetzt weiter?
ML: Dies ist alles noch nicht geklärt. Es wäre toll, wenn es zeitnah ein Revival geben würde. Nach der Spielserie in Tokio lief es ja in Osaka, aber dafür waren auch schon keine Tickets mehr erhältlich, von daher würde es theoretisch für alle Seiten sinnvoll sein, es erneut zu spielen. Wichtig zu erwähnen ist auch, dass die Darstellerinnen bei Takarazuka, die »GOETHE!« sehr mochten, ein großes Mitspracherecht haben, welche Stücke von ihnen gespielt werden. Dies kennen wir in dieser Form bei uns auch nicht. Auch wäre es natürlich schön, wenn sich andere Produzenten dort nun des Themas annähmen. Aber wie gesagt, noch gibt es dazu keine feststehenden Entscheidungen. Es wurde aber eine Aufzeichnung gemacht und es wird zeitnah eine Blu-ray geben. Das ist die tolle Neuigkeit, die ich verkünden darf. Und ich hoffe natürlich darauf, dass »GOETHE!« auch hier bei uns nun auch wieder aufgeführt wird!
Dies ist ein Auszug des Interviews, welches in der kommenden Ausgabe der blickpunkt musical erscheint.

