Die Eutiner Festspiele brillieren mit »West Side Story«

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Die Eutiner Festspiele mit einer der schönsten Freilichtbühnen des Nordens entführen in diesem Jahr ins New York der 1950er Jahre. Die Straßen der West Side beben vor Spannung – nicht nur wegen Jazz und Rock ’n’ Roll, sondern wegen eines Konflikts, der weit mehr als Musik ist: Zwei Jugendbanden, die Jets und die Sharks, kämpfen um Macht, Stolz und das Gefühl, dazuzugehören. Mitten in diesem explosiven Umfeld entflammt eine Liebe zwischen der Puerto-Ricanerin Maria (großartig klassisch gesungen von Meera Varghese) und dem Amerikaner Tony (modern und sportlicher Pop-Tenor: Florian Minnerop) – und genau darin liegt die bewegende Kraft der »West Side Story«.

Das 1957 uraufgeführte Musical ist ein Geniestreich von Leonard Bernstein (Musik), Stephen Sondheim (Liedtexte) und Arthur Laurents (Buch) und mehr als eine moderne Adaption von Shakespeares »Romeo und Julia«. Es ist ein gesellschaftskritisches Bühnenstück über Rassismus, Vorurteile und die zerstörerische Kraft von Hass.

Bernardo (Davide Dal Seno), Marias Bruder und Anführer der Sharks, ist alles andere als begeistert über den Kontakt von Maria zu Tony. Was als zaghafter Blick beginnt, wird zur alles verändernden Liebe doch die Realität auf den Straßen lässt keine Zeit für Romantik.

Als ein geplanter Straßenkampf in einem tragischen Doppelmord endet – Riff (sehr mystisch und kraftvoll angelegt von Robert Lancester) und der aktuelle Jets-Chef, sowie Bernardo verlieren dabei ihr Leben – bricht die Welt der Liebenden endgültig auseinander. Tony, getrieben von Schuld und Verzweiflung, gerät selbst ins Visier. Marias Hoffnung auf ein Leben jenseits des Hasses wird jäh zerschlagen, als Tony schließlich von Chino (Bruno Vida), einem engen Mitglied der Sharks, erschossen wird.

Was »West Side Story« so eindringlich macht, ist nicht nur die emotionale Wucht der Musik (mit Songs wie ›Maria‹, ›Heut‘ Nacht‹ oder ›America‹), sondern die zeitlose Botschaft: Hass gebiert nur Leid, während Liebe verbinden kann. Am Ende stehen beide Gangs fassungslos über Tonys Leiche – und erkennen, wenn auch zu spät, die Tragödie, die ihr Hass angerichtet hat.

Die »West Side Story« bleibt auch Jahrzehnte nach der Entstehung erschreckend aktuell. In einer Welt, in der kulturelle und soziale Spannungen immer wieder aufbrechen, wirkt das Musical wie ein flammender Appell: für Empathie, Versöhnung und die Kraft der Liebe, die Grenzen überwinden kann. Die Eutiner Festspiele kommen mit einem über 40 Personen starken Festspiel-Orchester daher, das diesen Abend, unter der Musikalischen Leitung von Christoph Bönecker, zu einem wahren Hörgenuss macht. Der Sound hat dabei Kraft und bietet eine angenehme Transparenz. Das Bühnenbild besteht aus grauen Wänden und ist auf mehreren Ebenen bespielbar mit einem zentralen Brunnen, Black-Lives-Matter-Plakaten und seitlichen ein- und ausfahrbaren Räumen sowie witzigen Ideen wie einem kleinen mobilen Dreirad-Motorrad als umgebautem Shop (Jörg Brombacher). Es macht Spaß, denn es gibt immer etwas zu beobachten.

Highlight des ersten Aktes ist die opulente Feuerwand während der Kampfszene! Großes Kino!

Auch im zweiten Akt begeistern der Brautshop und bei ›Ich will hübsch sein‹ die Brautpuppen und wunderschönen Kleider (Kostümbild von Timo Radünz) wie z.B. die gelben Kostüme und weißen Hochzeitskleider genauso wie die lebhaften und sehr zeitgemäßen Choreografien, ebenfalls von Timo Radünz.

Die geschickte Regie von Till Kleine-Möller lässt die riesige Bühne sogar klein erscheinen, denn die temporeiche und spannende Inszenierung verlangt allen Beteiligten enorme Kondition und Können ab. Die Art und Weise, wie die Bereiche bespielt werden und schnelle Anschlüsse geschafft werden, macht große Freude beim Zuschauen.

Die deutschen Texte von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald sind an einigen Stellen nicht so smart wie zum Beispiel das weltbekannte ›I feel pretty‹ (das mit ›Ich will hübsch sein‹ übersetzt wurde), aber das unmittelbare Verständnis durch die eigene Sprache hat für viele Zuschauer ein starkes Nachhallen des Abends ausgelöst.

»West Side Story« ist nicht nur ein Musical. Es ist ein Stück Menschlichkeit, hier in Eutin mit einem großartigen Cast und wahnsinniger Spielfreude!

Wer also noch die Chance hat, diese wunderbar entstaubte und zeitgemäße Variante in Eutin anzuschauen, sollte sie schnell nutzen, denn unsere Welt braucht auch heutzutage Verbindung, Frieden, Liebe und vor allem Menschlichkeit.