Evita
London Revival Cast 2025
Es ist fast schon ein wenig lustig: Wurde die CD einst entwickelt, um eine im Vergleich zur LP längere Spieldauer zu erzielen und so auch umfangreichere Musikwerke ohne Unterbrechungen auf einer einzelnen Scheibe unterbringen zu können, richtet sich die Produktion physischer Tonträger heutzutage wieder nach dem Fassungsvermögen einer Vinyl-Schallplatte, mit der CD als bloßem „Nebenprodukt“ (für das im Übrigen auch das Booklet meist einfach kleiner skaliert wird, so dass man, wie auch im vorliegenden Fall, zum Lesen der Credits eine Lupe benötigt). Wenn nun ein durchkomponiertes Musical mit einer mehr als zweistündigen Partitur auf eine knappe Dreiviertelstunde Spieldauer komprimiert wird, kann man sich vorstellen, wieviel der Schere zum Opfer fällt.
So auch beim aktuellen London Revival Cast Album zu Andrew Lloyd Webbers und Tim Rices Klassiker »Evita«. Ganze zehn Tracks haben es auf das Album geschafft, darunter zugegebenermaßen wenigstens die wichtigsten, aber es klaffen doch eklatante Lücken, möchte man eine Cast-CD doch eben auch als Repräsentation der vollständigen Handlung und nicht nur als ein »Best of« der zugkräftigsten Musiktitel hören. Kein ›Requiem for Evita‹, kein ›On This Night of a Thousand Stars‹, kein ›The Art of the Possible‹ oder ›Perón’s Latest Flame‹, keine ›Rainbow Tour‹, kein ›Waltz for Eva and Che‹ oder ›She is a Diamond‹, keine einzige von Evas Finalnummern … Ganz abgesehen von den dramaturgischen Konsequenzen, die sich aus dem Fehlen all der genannten, wichtigen Songs ergeben, hätte man sie einfach gern gehört, denn, und damit kommen wir zum Positiven: Die musikalische Qualität dieser Einspielung ist ausgesprochen hoch und lässt die Entscheidung gegen eine Gesamtaufnahme umso schmerzlicher erscheinen.
Wie schon während der Spielzeit im Londoner Palladium liegt der Fokus natürlich auf der gerade einmal 24-jährigen Rachel Zegler, die als bezaubernde Maria in Steven Spielbergs Neuverfilmung der »West Side Story« bekannt wurde und mit »Evita« ihr West End-Debüt gab. Beeindruckend und tatsächlich auch mit dieser verknappten Tracklist nachvollziehbar ist ihre Darstellung der Titelpartie in ihren verschiedenen Altersstufen bzw. Lebensstationen: In ›Buenos Aires‹ begegnet uns ein junges, ehrgeiziges, lebenshungriges Mädchen mit heller, glockenklarer Stimme. Mit jedem weiteren Auftritt verwandelt sich nicht nur Eva zu einer immer berechnenderen Karrierefrau bis hin zur knallharten, machtversessenen Politikerin – auch gesanglich zeichnet Zegler diese Charakterentwicklung beeindruckend nach, dunkelt ihr Timbre immer wieder ab, legt Härte, Metall und Reife in die Stimme (›Rainbow High‹!). Das über die Jahre viel zu oft gehörte ›Don’t Cry for Me Argentina‹ klingt in ihrer Interpretation endlich mal wieder spannend. Mit ihrem bewegenden ›You Must Love Me‹ lässt Rachel Zegler dann sogar Madonna, die den für die Filmfassung hinzugefügten Song erstmals gesungen hatte, weit hinter sich.
Diego Andres Rodriguez gibt einen zunächst eher harmlos klingenden, mit samtigem Latin-Pop-Sound das Publikum umgarnenden Che. Dass er auch anders kann, beweist er im bissigen Rockteil von ›Oh What a Circus‹ oder im sarkastischen ›And the Money Kept Rolling in (and Out)‹. Schade, dass etliche wichtige Songs seiner Rolle auf diesem Album fehlen. Das gilt noch viel mehr für den armen James Olivas, der als Juan Perón hier kaum auftritt, aber wenn, dann überzeugend. Äußerst interessant ist Bella Browns Darbietung als Mistress, eine Rolle, die sonst meist als blutjunges, unbedarftes Mädchen dargestellt wird. Brown verleiht ihr in ›Another Suitcase in Another Hall‹ eine deutlich hörbare stimmliche Reife, wodurch sie klar älter klingt als Zeglers Eva zu diesem Zeitpunkt der Handlung – eine kleine, aber für Peróns Frauenbild entlarvende Veränderung, seine bisherige Geliebte für ein deutlich jüngeres Mädchen abzuservieren. Als weiterer Star dieses Albums muss das 18-köpfige Orchester genannt werden, das nicht nur alle stilistischen Facetten von eingängigen Latin Rhythmen bis zu harten Rocksounds perfekt abdeckt, sondern von Alan Williams auch mit gutem Gespür für Tempo, Energie und Details dirigiert wird.
Fazit: Tolle Neuaufnahme eines Klassikers – leider mit zu vielen Kürzungen zugunsten des LP-Formats.
10 Titel
44:39 min
CD im Digi-Pack mit 8-seitigem Booklet mit Credits und Fotos
Songliste:
01. Oh What a Circus
02. Buenos Aires
03. I’d Be Surprisingly Good for You
04. Another Suitcase in Another Hall
05. A New Argentina
06. Don’t Cry for Me Argentina
07. High Flying, Adored
08. Rainbow High
09. And the Money Keeps Rolling in (and Out)
10. You Must Love Me

