CD des Monats: August 2026

Martin Guerre

Original London Cast

Nicht immer erreichen uns rechtzeitig neue Veröffentlichungen, um sowohl diese Online-Rubrik als auch die Printausgabe mit neuen, frischen Inhalten zu füllen. Deshalb wollen wir an dieser Stelle fortan auch gelegentlich den Blick auf ältere Castalben lenken, die eine Wieder- oder Neuentdeckung verdient haben. Beginnen wir zum 30. Geburtstag mit »Martin Guerre«, dem nach den Welterfolgen »Les Misérables« und »Miss Saigon« mit Spannung erwarteten dritten West-End-Musical von Alain Boublil (Buch und Texte) und Claude-Michel Schönberg (Buch und Musik). Gleich drei zusätzliche Songtexter (Edward Hardy, Stephen Clark und »Les-Mis«-Veteran Herbert Kretzmer) deuten vielleicht schon die komplizierte Genese des Werks an: Nach seiner Uraufführung im Londoner Prince Edward Theatre im Juli 1996 stieß das Musical zunächst überwiegend auf Ablehnung bei der Kritik. In einem zur damaligen Zeit höchst ungewöhnlichen Manöver überarbeiteten die Kreativen die Show während des laufenden Spielbetriebs und präsentierten im November 1996 eine zweite Premiere. Diese zweite Fassung, die von vielen Kennern des Werks als die beste Version betrachtet wird, erhielt eine deutlich positivere Resonanz. Ich selbst sah diese Show im Frühjahr 1997 bei meinem ersten London-Besuch als meine allererste West-End-Show und war so beeindruckt, dass ich mir am nächsten Tag, statt das große Angebot an unterschiedlichen Stücken auszukosten, gleich nochmals Tickets für »Martin Guerre« sicherte. All die Jahre ist mir die Aufführung nachhaltig im Gedächtnis geblieben, und jedes Wiederhören der Londoner Castaufnahme frischt die Erinnerungen auf.

In dieser Fassung kommt die dramatische Geschichte über den historischen Fall eines vermeintlichen Kriegsheimkehrers zur Zeit der Hugenottenkriege in Frankreich am besten zur Geltung; die Liedtexte und besonders die grandiose, zwischen großem Operngestus und folkloristischer Bodenständigkeit pendelnde Musik Schönbergs (in der kongenialen Orchestrierung für 38 Musiker aus der Feder des Altmeisters Jonathan Tunick) präsentieren sich hier in Bestform. Beginnend mit dem berückenden Prolog, der sich aus simplen Flöten- und Oboenmelodien zu voller orchestraler Pracht entfaltet (und der sich am Schluss des Werks als Instrumentalbegleitung des Finales ›The Land of the Fathers‹ entpuppt, so einen musikalischen und inhaltlichen Kreis perfekt schließend), erwartet den Hörer eine Partitur, die sich vor den vorangegangenen Boublil & Schönberg-Meisterwerken nicht verstecken muss. Rustikale Ensemblenummern wie Working on the Land oder Where’s the Child? charakterisieren die bodenständige, erzkatholische und ebenso konservative Dorfgemeinschaft, ohrwurmträchtige Soli wie der treibende Titelsong oder die innigen Balladen ›When Will Someone Hear?‹ und ›Someone‹, fantastische Duette wie ›Tell Me to Go‹, ›All I Know‹ oder ›Here Comes the Morning‹ (in dem Schönberg sein schon fast traditionelles Opernzitat versteckt – Wagner-Fans sollten in der Melodie eine deutliche Referenz erkennen können …) – es gibt eine Menge an wunderbarer Musik zu entdecken, bis hin zu ›Bethlehem‹, einem der vielleicht schönsten Chöre der gesamten Musicalliteratur. Das alles gesungen von einer hervorragenden Cast um Iain Glen (der später u. a. in »Game Of Thrones« weltbekannt wurde), Juliette Caton, Jerôme Pradon und Matt Rawle sowie einem fulminant aufspielenden und stimmlich auftrumpfenden Ensemble: Musical der »goldenen 90er Jahre« at its best.

Leider konnte »Martin Guerre« nicht an die Erfolge seiner Vorgänger anknüpfen; trotz weiterer Überarbeitungen schloss die Londoner Produktion nach nur rund zweieinhalb Jahren. Eine abermals revidierte Tourneeversion von 1999 bot teilweise neue (schwächere) Songs, völlig abgeänderte Liedtexte sowie eine stark reduzierte, blutleere Orchestrierung – wer die dazugehörige Castaufnahme (die mit dem schwarzen Cover) hört, kann kaum glauben, dass diese Version besser aufgenommen worden sein soll als das Original. Leider gab es nie eine Gesamtaufnahme der durchgesungenen Partitur, obwohl Boublil und Schönberg für diverse regionale Produktionen immer wieder Hand an ihr unterbewertetes Musical anlegten. Im November 2026 soll nun unter der Regie von Matthew Warchus am Londoner Old Vic ein (erneut) »radikal überarbeitetes« Revival herauskommen. Vielleicht kann »Martin Guerre« in dieser Form endlich seinen rechtmäßigen Platz neben »Les Misérables« und »Miss Saigon« einnehmen – dem legendären Autorenteam sei es im Karriereherbst von Herzen gegönnt.

Bis dahin sei jedem die hier besprochene Londoner Castaufnahme von 1996 dringend ans Herz gelegt – sie ist seit vielen Jahren gestrichen und galt zeitweilig als teure Rarität, aber immer wieder tauchen im einschlägigen Fachhandel nochmals Kontingente auf (aktuell ist das Album bei Sound of Music in begrenzter Stückzahl erhältlich). Ansonsten ist die Aufnahme z. B. auf Youtube zum Streamen verfügbar – ebenso übrigens wie die hochinteressante Dokumentation »Martin Guerre – A Musical Journey«, die auch zahlreiche Ausschnitte aus der Originalinszenierung enthält.

Fazit: Ein ewiger (?) Geheimtipp und eine der schönsten Musicalpartituren überhaupt.

22 Titel

73 min

CD im Jewelcase mit 32-seitigem Booklet mit Credits, Liner Notes, Synopsis, Songtexten und Fotos

Titelliste:

01. Prologue
02. Working On The Land
03. Where’s The Child
04. Martin Guerre
05. Here Comes The Morning
06. Sleeping On Our Own
07. When Will Someone Hear?
08. Louison/Welcome Home
09. Tell Me To Go
10. Bethlehem
11. All I Know
12. Entr’acte
13. The Courtroom
14. Me
15. Martin Guerre (Reprise)
16. Someone
17. The Imposters
18. The Last Witness
19. I Will Make You Proud
20. The Madness
21. The Reckoning
22. The Land Of The Fathers