
blickpunkt musical: Lieber Herr Alt, bisher standen Sie – sehr erfolgreich und in großen und großartigen Produktionen – vor allem auf der Bühne, haben aber auch schon einige Choreografien gemacht, eine davon wurde sogar unter anderem mit dem Preis der Deutschen Musical Akademie ausgezeichnet. Doch was vielleicht nicht alle wissen: Sie sind auch als Regisseur aktiv. Erst einmal vorab – war Regie etwas, was Sie sich auch schon als Darsteller immer vorgestellt haben, oder hat sich der Wunsch, als Regisseur zu arbeiten, erst im Laufe der Zeit bei Ihnen entwickelt?
Jörn-Felix Alt: Für mich war das eigentlich schon immer Ziel und ein Plan: sowohl auf der Bühne als auch hinter der Bühne zu arbeiten. Ich liebe das Theater, seit ich ein kleines Kind war – und jetzt meine eigene Vision mit diesem Stück auf die Bühne bringen zu können, gemeinsam mit einem großartigen Team um mich herum, ist ein riesengroßes Geschenk. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, mich nur noch in einem Bereich zu bewegen, also entweder auf oder hinter der Bühne. Diese Abwechslung ist für mich ideal und gibt mir auch jedes Mal eine gewisse Leichtigkeit für den jeweils anderen Bereich. Außerdem ist es ein ganz besonderes Gefühl: sowohl in meiner Arbeit als Darsteller als auch als Regisseur. Und natürlich hilft mir dabei sehr, dass ich immer auch die »andere Seite« sehr gut kenne.
blimu: Mit dem Theater Dortmund haben Sie sich für ein sehr renommiertes Haus entschieden – dies kann sowohl Last und Druck bedeuten, weil natürlich alle Augen auf Ihr Hausdebüt als Regisseur gerichtet sind, auf der anderen Seite bietet dieses Haus natürlich auch sehr viele Möglichkeiten mit höchster Professionalität, die kleinere Bühnen so nicht haben (wie zum Beispiel die hauseigenen Werkstätten). Wie empfinden Sie es, hier zu inszenieren?
JFA: Es ist eine totale Freude, hier in Dortmund zu arbeiten. Ich habe mich hier schon als Darsteller wahnsinnig wohlgefühlt – und es ist ein Geschenk, jetzt in einer anderen Position zurückzukommen. Solche großen Produktionen haben immer einen sehr großen Vorlauf, und es war super, wie man mit allen Abteilungen sehr intensiv zusammenarbeiten und gemeinsam an den Ideen und an der Vision für diesen Abend feilen konnte. Es war wunderbar, das gemeinsam und auch auf diesem Level tun zu können – wir haben uns schließlich nicht wenig für unser Publikum vorgenommen.
blimu: Für Ihr Hausdebüt in Dortmund haben Sie sich ein Werk von Paul Abraham ausgesucht, Sie kennen sein Schaffen als Schauspieler bereits gut, haben »Roxy und ihr Wunderteam« bereits in Wien sowie in Berlin gespielt und auch in »Märchen im Grand- Hotel« standen Sie bereits auf der Bühne. Was macht für Sie die Stücke Abrahams aus?
JFA: Paul Abraham ist bekannt und beliebt für seine Jazz-Operetten und ich finde sie wundervoll, weil sie ihren ganz eigenen Humor haben. Sie verfügen gleichzeitig über großartige Musik und das gibt uns die Möglichkeit, aus diesen Operetten wirklich auch einen großen, tollen Showabend zu machen. Wir haben also große Musik, riesige Shownummern und gleichzeitig wahnsinnig viel Herz. Und durch das Tempo, das in diesen Stücken steckt, und durch die Komik hat man die Möglichkeit, »Märchen im Grand-Hotel« auch mit leichten Drehungen sehr gut an unsere heutigen Sehgewohnheiten anzupassen. Und daraus wird dann – hoffentlich, so stelle ich mir das vor und das ist mein Wunsch – ein großer, toller Operettenabend, so wie wir ihn sehen wollen. Also auf jeden Fall so, wie ich ihn sehen will. (lacht)
blimu: Dass Sie in dem Stück selbst schon mitgespielt haben, hat sicher zu einer bereits vorhandenen Verbundenheit geführt, als Regisseur muss man sich aber noch viel genauer damit auseinandersetzen. Was haben Sie in den vergangenen Jahren, in der Arbeit mit dem Stück, für sich daran entdecken können, was Ihnen als Schauspieler noch verborgen war?
JFA: Ich hatte wahnsinnig viel Spaß dabei, dieses Stück in einer Inszenierung von Otto Pichler selbst zu spielen. Und ich hatte öfter den Moment, dass ich auf der Seitenbühne in der Gasse stand, diese tolle Musik gehört und mich dann ein bisschen »reingeträumt« habe: Was ich da sehe und was ich aus diesem Material machen würde, aus dieser Musik und aus diesen Szenen und Charakteren. Mir war es deshalb wichtig, von Anfang an einen »Spielplatz« zu kreieren, wo wir uns als Kreativteam und auch mit dem Ensemble wirklich austoben konnten. Wir haben so wundervoll eigene und lustige Charaktere in der Besetzung. Deshalb war es ein großer Spaß für jeden dieser Charaktere, eine Drehung in der Handlung, den perfekten Auftritt, die ideale Nummer oder eine lustige Pointe zu finden, über die ich als Schauspieler vorher nie nachgedacht habe. Als Regisseur konnte ich mir den Raum dafür geben und tatsächlich neue Facetten des Stückes entdecken – das war wunderbar.
blimu: Ein Stück, das in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt, bietet die Möglichkeit, mit dem Flair der damaligen Zeit zu spielen, insbesondere natürlich optisch. Ich habe aber in einem Interview gehört, dass Sie dies gar nicht so sehr umsetzen wollen, sondern mit ganz eigenen Gedanken daran gegangen sind – können Sie uns mehr über die Inszenierung verraten?
JFA: Von Anfang an war mir klar, dass ich dieses Stück optisch zeitlos spielen und auch zeitlos inszenieren möchte. Wenn man ein Stück sehr bestimmt in eine gewisse Zeit und in ein Jahrzehnt legt, muss man gleichzeitig auch sehr viele Regeln beachten: Was passt, was nicht passt, was geht, was nicht geht – und was man darf. Deshalb wollte ich für mich, mein Kreativteam und auch für das Ensemble wirklich frei sein. Dadurch stellt sich natürlich auch noch mal ein großer Humor ein – und man kann in den Shownummern überraschen. Mir war aber auch klar, dass ich es auf jeden Fall nicht »heutig« spielen möchte, weil das nicht zu dem Charakter dieser Operette passen würde – und auch nicht zu den Dialogen und den Charakteren. Daher finde ich dieses »Tänzchen« durch verschiedene Epochen, also mit verschiedenen Einflüssen, sehr spannend. Das ist gerade für dieses Stück ideal, weil sich eine schöne, lustige und eigene Mischung ergibt.
blimu: Sie führen ja nicht nur Regie, sondern haben auch eine neue Dialogfassung geschaffen. Warum war Ihnen dies wichtig?
JFA: Gemeinsam mit Carsten Golbeck habe ich eine Dialogfassung erstellt, die unbedingt den Charme und das Flair des Originals erhalten sollte. Für mich war nur wichtig, in den Abend ein bisschen Tempo zu bringen, Charaktere und Beziehungen etwas zu schärfen – und sie dadurch noch eigener und noch ein bisschen klarer und lustiger zu bekommen. Mein Ziel war dabei aber nicht, dass das Publikum sich denkt: »Was hat der Regisseur sich da einfallen lassen?«, sondern im besten Fall: »Das muss doch das Original sein.« Denn so ist es am besten – für die Charaktere und für das Stück. Deshalb wollte ich dem Ganzen keine Ideen überstülpen, die für sich alleine stehen, sondern eher Lösungen finden, um das Original für unsere Sehgewohnheiten, für unsere Zeit, noch ein bisschen kompakter und ein bisschen besser zu machen.
blimu: Zusätzlich zu Regie und Dialogen kommt auch noch die Choreografie hinzu, die ebenfalls von Ihnen stammt. Was sind die Herausforderungen bei diesem Stück für Sie im Bereich Choreografie?
JFA: Ich sehe gar nicht so sehr Herausforderungen, sondern eher Möglichkeiten – und die Möglichkeiten bei diesem Stück sind unendlich. Wir haben so tolle, große Shownummern und es war eine riesige Freude, für die Tänzerinnen, Tänzer und jede Nummer einen individuellen Charakter und eine ganz eigene Bewegungssprache zu finden. Außerdem hatte ich das große Glück, mit den Arrangeuren Matthias Grimminger und Henning Hagedorn zusammenzuarbeiten und auch ein bisschen an der Musik zu feilen. Gerade für Dortmund konnten wir deshalb eine riesige, siebenminütige Shownummer einbauen, die es so nur in unserer Fassung gibt. Ich wollte unbedingt, dass es einen Moment gibt, in dem wirklich das komplette Ensemble zusammenkommt – und gemeinsam eine Nummer zelebriert, in der alle singen und tanzen. So etwas gibt es im Original eigentlich nicht, aber es war mir wahnsinnig wichtig, genau das einzuarbeiten: für uns und für das Dortmunder Publikum.
blimu: Sie beschäftigen sich jetzt schon so lange mit dem Stück, der Probenprozess befindet sich auf der Zielgraden: Was in den Proben ist der Moment, die Szene, in der Sie das Geschehen auf der Bühne beobachten und sich denken: Hier ist wirklich alles einfach richtig und berührt mich?
JFA: Ich bin tatsächlich sehr oft auf den Proben gerührt, weil wir so ein großartiges Ensemble haben, das sich mit so viel Energie und Spiellust in diese Proben und Szenen stürzt. Es ist eine totale Freude, ihnen zuzuschauen und zu beobachten, wie sie das gemeinsam weiterentwickeln – und wie nach und nach alles zusammenkommt. Gleichzeitig steckt nach wie vor ein großes Theaterkind in mir: Ich finde diese ganzen Etappen in so einem Prozess wahnsinnig toll, und auch die rühren mich. Wenn man das erste Mal auf der Probebühne liest, wenn man zum ersten Mal einen Durchlauf macht, wenn man zum ersten Mal auf der Bühne ist, wenn dann endlich auch das Orchester und die Kostüme dazukommen: Jeder einzelne Schritt macht mir sehr viel Freude und berührt und rührt mich.
blimu: Was folgt nach der großen Premiere – wo dürfen die Zuschauer Ihr Können als Regisseur, als Choreograf oder als Darsteller weiterverfolgen?
JFA: Tatsächlich geht es relativ schnell weiter, weil ich direkt im Anschluss mit den Proben in Berlin am Theater des Westens starte. Darauf freue ich mich sehr, denn ich darf in der Uraufführung des Stückes »Wir sind am Leben« von Peter Plate und Ulf Leo Sommer die Rolle des Bruno kreieren. Es geht also Schlag auf Schlag weiter – dann wieder einmal auf der Bühne.
blimu: Zum Schluss: Abgesehen davon, dass die Musik von Abraham wunderschön ist – warum sollten die Zuschauer in Scharen ins Theater Dortmund gehen und sich »Märchen im Grand-Hotel« anschauen?
JFA: Wir haben hier einen tollen Abend gebaut, der wahnsinnig viel Tempo und Witz hat, riesige Showmomente bietet: Und das alles mit der wundervollen Musik von Paul Abraham – das kann ich nicht ausklammern –, einem großartigen Ensemble und den wunderbaren Dortmunder Philharmonikern. Aber es wird außerdem ein Abend, der neben all dem Glanz auch wirklich etwas erzählt: über Sehnsucht, über Nähe, über dieses ewige Hoffen auf ein Happy End. Und genau deshalb hat das Stück nicht nur Tempo und Humor, sondern auch ganz, ganz viel Herz.
Wir bedanken uns herzlich für das Interview und die Zeit, die Sie mitten im Probenstress für uns hatten! Ihnen und allen Beteiligten alles Gute für diese Produktion und Toi Toi Toi für die Premiere!
Weitere Informationen, Tickets und Spieltermine: https://www.theaterdo.de/produktionen/detail/maerchen-im-grand-hotel/

