Wiederaufnahme im Metronom Theater Oberhausen: »Der Geist der Weihnacht« in neuem Gewand

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Alle Jahre wieder pünktlich zur Weihnachtszeit zieht »Der Geist der Weihnacht«, »A Christmas Carol« oder auch »Eine Weihnachtsgeschichte« in die deutschen Theater ein. Obwohl es sich dabei immer um Varianten der Geschichte von Charles Dickens handelt, sind doch Darstellungsweise und Musik oft ganz unterschiedlich.

In Oberhausen wird – wie parallel auch im Festspielhaus Neuschwanstein – die Geschichte des Geizhalses Scrooge ebenfalls auf der Basis des Buches von Charles Dickens erzählt, jedoch wird er hier nicht von drei Geistern durch die Zeit begleitet, sondern von seinem ehemaligen Partner Marley und einem Engel, der sich im Laufe der Geschichte als die verstorbene große Liebe von Scrooge entpuppt.

Und ganz überraschend erleben die Zuschauer zu Beginn einen alten Scrooge, der zu Weihnachten Geschenke in ein Kinderheim bringt und dort zusammen mit den kleinen Kindern Weihnachten feiert. Dass Scrooge nicht immer so nett war, erleben die Zuschauer dann. Was für ein mieser, alter, boshafter Griesgram ist es, der da über den Weihnachtsmarkt läuft, die Kinder anschreit und für den Weihnachten nur ›Rattendreck‹ ist. Aber der boshafte Scrooge hat nicht mit Marley gerechnet, seinem ehemaligen Geschäftspartner und Freund, der jetzt als Geist nur noch eine Aufgabe hat, um seine schweren Ketten, die ihn zwischen Himmel und Hölle festhalten, los zu werden: Nämlich Scrooge bekehren.

Martin Mulders, der den Geist Jacob Marley spielt, tut dies nicht nur mit viel Emotionen, er bezieht auch gleich das Publikum ins Geschehen ein. »Sie können mich sehen? Wirklich?« fragt er von der Bühne herunter, denn nach seiner Aussage können ihn die anderen Akteure nicht sehen. Und das nutzt er dann auch aus, um Scrooge nicht nur mit einem Schneeball zu bewerfen, sondern ihm auch Geld aus der Börse zu stehlen und es an Sammler zu geben.

Mulders als Marley hat die Lacher auf seiner Seite und das besonders im Zusammenspiel mit Scrooge. Aber auch Chris Murray versteht es auf unnachahmbare Weise, aus dem boshaften Alten eine Figur zu machen, über die man zunächst ein bisschen lächeln muss, wenn Marley ihm die Brieftasche stiehlt oder die Schuhe vereist und wenn er mit Anlauf auf sein Bett springt, wo ab Mitternacht die Geister, angeführt von Marley, toben. Doch im Laufe der Geschichte lernt das Publikum zu verstehen, warum Scrooge so verbittert ist und Weihnachten hasst. Zusammen mit Marley und dem Engel der Weihnacht, der sich am Ende als seine große Liebe Belle zu erkennen gibt, geht er auf die Reise durch die Zeit.

Als Kind wurde er in der Schule gehänselt und gedemütigt und durfte nicht nach Hause fahren. Nur seine kleine Schwester besuchte ihn heimlich zu Weihnachten und brachte ihm ein Geschenk.

Als junger Mann dann ging er mit Marley bei Mr. Fezziwig in die Lehre. Sie hatten viel Freude an den Weihnachtsfeiern dort und Scrooge war bis über beide Ohren in Belle verliebt. Doch er fing an zu sparen und Belle konnte das nicht verstehen. Und so zerbrach ihre Beziehung.

Die Reise der drei Protagonisten endet in der Zukunft, in der Scrooge sehen kann, was passiert, wenn er sein Vermögen teilt und wie glücklich er damit viele Menschen macht, vor allem auch seinen langjährigen Angestellten Cratchit (Maico Claßen) und dessen gehbehinderten Sohn Timmy.

Doch nachdem Scrooge noch immer nicht überzeugt ist, dass ihn das alles zum besseren Menschen macht und er nur einem Menschen wirklich vertraut, nämlich seiner Belle, bringt ihn der Engel auf einen Friedhof zum Grab von Belle, und hier bricht Scrooge endgültig zusammen.

War das alles nur ein Traum? Er erwacht morgens in seinem Bett und weiß es nicht. Doch ein Mädchen, das ein altes Weihnachtslied singt, deutet er als Zeichen, dass sein Traum Wirklichkeit war. Er bittet das Mädchen, einen Truthahn zu Cratchit zu bringen und geht dann selbst dorthin. Für ihn beginnt ›Ein neues Leben‹, und für das Publikum geht eine wunderbare, emotionale Geschichte glücklich zu Ende, die zeigt, dass Liebe und Freundschaft viel mehr wert sind als alles Geld der Welt.

In Oberhausen hat man mit Chris Murray die Idealbesetzung für Scrooge gefunden. Dank seiner Wandelbarkeit in Mimik und Gestik, aber natürlich auch durch seine großartige Stimme, die alle Emotionen widerspiegelt, von laut und wütend bis hin zu traurig und verzweifelt, verleiht er dem Charakter eine unglaubliche Vielseitigkeit.

An seiner Seite wechseln sich als Engel Sandy Mölling von den No-Angels und Marie Wegener, die jüngste DSDS-Gewinnerin aller Zeiten, ab. Sie spielte die Rolle bereits letztes Jahr mit großem Erfolg in Oberhausen. Beide sind in der Rolle des Engels sowohl stimmlich als auch schauspielerisch perfekt.

Auch Marley, Martin Mulders, versteht es gekonnt, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Nicht nur spielt er Scrooge lustige Streiche, er beweist im Laufe der Geschichte auch, wie wichtig ihm die Freundschaft ist und dass er lieber seine Ketten behalten würde, nur um Scrooge zu helfen. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen und auch zuzuhören.

Dazu kommt ein hoch motiviertes und spielfreudiges Ensemble, das sowohl gesanglich und schauspielerisch, aber auch tänzerisch (Choreografien Stefanie Gröning) überzeugen kann.

Es gibt viele schöne bunte Ensemblenummern, die durch eine neue LED-Leinwand optisch noch perfekter untermalt werden. So wird zum Beispiel die Reise durch die Zeit mit dem Engel in einem seltsamen Fahrzeug wie durch einen Zeittunnel gezeigt, Fezziwigs Wohnzimmer als riesiger festlicher Raum und vieles mehr.

Die Handlung erzählt von Freundschaft und Liebe, die über den Tod hinaus geht. Es gibt viel zu lachen und es dürfen auch ein paar Tränchen kullern, wenn Scrooge erkennen muss, wie falsch sein Handeln bisher war. Jedoch passiert seine Wandlung in diesem Stück nicht aus Angst, sondern aus Liebe.

Dabei spielt auch die wunderschöne Musik von Dirk Michael Steffan eine große Rolle. Neben einfühlsamen Balladen gibt es auch tolle Ensemble-Nummern, und wenn man das Theater verlässt, hat man oft noch die eine oder andere Melodie im Ohr, wie ›Das Lied des Engels‹, ›Was habe ich getan‹, ›Ein Leben lang‹, ›Ich bin ein Geist‹ oder auch ›Ooops‹.

Für das Kreativ-Team aus dem Festspielhaus Neuschwanstein unter der Leitung von Benjamin Sahler und Dirk Schattner war es sicher keine leichte Aufgabe, dieselbe Produktion an gleich zwei Standorten auf die Bühne zu bringen. In Oberhausen ist dies jedoch mit so tollen Darstellerinnen und Darstellern wie Sandy Mölling, Marie Wegener, Chris Murray und Martin Mulders gelungen.

Bis zum 26.12. kann man den »Geist der Weihnacht« noch in Oberhausen sehen. Im Festspielhaus Neuschwanstein findet die letzte Vorstellung am 28.12. um 15.00 Uhr statt.