»Kick Like a Woman«: Ein neues Musical präsentiert sich

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Schon vor fünf Jahren landeten sie einen Hit: »Himmel und Kölle« wurde inzwischen von über 192.000 Zuschauern gesehen. Nun legen die Produzenten Frank Blase und Marc Schneider nach: Mitten in den Proben präsentierten sie im Kölner Depot ihr neuestes Werk »Kick Like a Woman«, das ab Mitte November ebenfalls in Köln, im neuen Theater von apiro Entertainment, zu sehen sein wird. Köln bekommt mit dem neuen Musical ein Stück, das auf einer fast vergessenen wahren Begebenheit basiert: dem Gewinn der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 1981 in Taipeh durch die Vereinsmannschaft der SSG 09 Bergisch Gladbach, die damals für Deutschland antrat. Dies kam dadurch zustande, dass der DFB zu dem Zeitpunkt den Frauenfußball völlig ignoriert hat und es entsprechend kein Nationalteam gab.

Für die Produzenten war die Geschichte ein seltener Fund. »Wir möchten von apiro Entertainment mutige, überraschende, intelligent unterhaltsame neue deutsche Musicals auf die Bühne bringen. Das ist unser Hauptschwerpunkt«, betonte Frank Blase mit Blick auf die Ausrichtung der Firma. Angestoßen durch den Regisseur Gil Mehmert, der auf die Dokumentation »Die Weltmeisterinnen« (bzw. »Das Wunder von Taipeh«) stieß, war für die beiden Bergisch Gladbacher sofort klar, dass sich hier eine Geschichte verbirgt, die erzählt werden muss. Für Gil Mehmert geht die Motivation dabei tiefer als das reine Abbilden historischer Fakten – für ihn ist das Projekt eine Herzensangelegenheit im Kampf gegen die Übermacht etablierter Großproduktionen: »Ich liebe David-gegen-Goliath-Geschichten. Diese Geschichte, die wir aufführen, ist genau dies. Und was wir hier mit apiro machen, ist auch David-gegen-Goliath.« Frank Blase ergänzte, dass es im Stück um eine universelle Kraft gehe, die weit über den rein sportlichen Aspekt hinausreicht: »Da geht es gar nicht so sehr um Fußball, sondern es geht um diese Menschen, die eine wahnsinnige Kraft aufgebracht haben, um alles zu schaffen, gegen alle Widerstände. Um Themen, die aktueller nicht sein könnten: Zivilcourage, Power und Engagement.«

Auch Autorin Constanze Behrends war von dieser Geschichte fasziniert: »Ich bin 1981 geboren. Ich bin also genauso alt wie der Weltmeistertitel, den die SSG 09 damals gewonnen hat. Und ich hatte noch nie von dieser Geschichte gehört. Diese Underdog-Geschichte, das war das, was mich daran gereizt hat.« Obwohl Behrends selbst kein klassischer Fußballfan ist, verbindet sie eine ganz persönliche Sporterfahrung mit dem unbändigen Willen der Gladbacherinnen: »Ich laufe Marathon. Ich weiß genau, wie das ist, wenn bei 35 Kilometern der Körper sagt: ›Was machst du hier für einen Scheiß?‹ und man dann trotzdem weitermacht. Und das haben sie über Jahre geleistet. Da habe ich den größten Respekt davor.«

Trotz des zeitlichen Abstands sieht sie im Stoff eine brennende Aktualität, denn im Sport wie im Alltag gebe es nach wie vor deutliche Barrieren zu überwinden. »Frank (Blase) hat mir erzählt, dass er mit den jungen Frauen der heutigen Frauenfußballmannschaft gesprochen hat und dachte: ›Na, heute ist es ja nicht mehr so schlimm‹. Aber sie haben sich kaputtgelacht, weil sie heute noch immer vor sehr ähnlichen Problemen stehen. Und jede Frau kennt das. Es gibt noch ein paar Männerdomänen einzureißen, würde ich sagen«, erzählt Behrends mit einem vielsagenden Schmunzeln. Entwickelt wurde das Werk im engen, kollektiven Austausch innerhalb des Leitungsteams, was die Autorin als absoluten Glücksfall beschrieb: »Wir haben es wirklich als Dreier-Team gemeinsam entwickelt. Das war auch ein großes Geschenk. Es ist nicht immer so, dass man von Anfang an Text, Musik und Umsetzung schon mit im Blick hat.«

Regisseur Gil Mehmert erläuterte unter anderem auch das dynamische Bühnenkonzept, das die über 30 Szenenwechsel bewältigt. Mobile LED-Wände werden dabei nicht nur zu Gestaltungselementen, sondern greifen direkt in das Spielgeschehen ein. Auch wenn die LED-Technik bei der Pressevorführung noch nicht wie gewünscht funktionieren wollte, erzählte Mehmert anschaulich, wie die Interaktion mit der Technik im Detail funktionieren soll: »Musical ist Perfektion. Damit wir die Bälle perfekt kontrollieren können, finden die Ballbewegungen hier per LED statt. Ich kann also hier kicken und dann läuft der Ball da rüber.« Ganz wichtig ist Mehmert, und das unterstrich er mehrmals, dass die LED-Technik ein wichtiger Helfer ist, aber niemals im Vordergrund stehen soll – das Wichtigste sind weiterhin die Personen und ihre Geschichten.

Das gilt auch für das Ensemble: Obwohl nur die wenigsten Darstellerinnen zuvor Fußballerinnen waren, wurden sie für die Show an zwei Workshoptagen geschult, um die typischen, athletischen Bewegungsabläufe auf der Bühne täuschend echt und präzise umsetzen zu können. Mehmert erwähnte ebenfalls, wie lange schon die Entwicklung an dem Stück andauert; es gab bereits vor zwei Jahren erste Voraufführungen, gefolgt von mehreren Readings und Workshops, darunter eine Präsentation im privaten Rahmen, bei der auch viele der damaligen Spielerinnen anwesend waren. Für den Regisseur ist diese stete, über Jahre andauernde Weiterentwicklung ein Geschenk und zugleich bezeichnend für das Genre, denn »ein Musical wird nicht geschrieben, ein Musical wird ständig umgeschrieben.« Der Dank gegenüber den Produzenten, dass sie in dieser freien Arbeitsatmosphäre ein Stück entwickeln dürfen, ist überhaupt dem ganzen Team rund um diese Produktion mehrfach während dieser Pressevorführung anzumerken.

Der aber wohl bewegendste Moment der Pressekonferenz war der Auftritt der beiden anwesenden Zeitzeuginnen. Anne Trabant-Haarbach, die 1981 als Spielerin und Trainerin in Personalunion den titel holte, und ihre damalige Mitspielerin Hannelore ›Hanna‹ Geilen (Torhüterin) teilten ihre Erinnerungen mit der anwesenden Presse. Trabant-Haarbach, die als Kind am Spielfeldrand stehen musste, weil Mädchen der Fußball verboten war, blickte auf ihre ersten prägenden Erlebnisse zurück: »Ich habe mit fünf Jahren miterlebt, wie Deutschland erstmalig Weltmeister wurde. Und die Begeisterung, die damals rüberkam, das war etwas, was ich auch erreichen wollte.« Viele Jahre später spielte sie dann tatsächlich Fußball – aber der Weg war trotzdem bei Weitem kein einfacher. Um überhaupt nach Taiwan reisen zu können, musste das Team selbst aktiv werden: »Teilweise haben wir Gebäck gebacken und am Wochenmarkt verkauft. Oder Autos geputzt. Jede Spielerin hatte irgendeine Idee, um zu Geld zu kommen«, erzählte sie.

Als sie schließlich in Taipeh ankamen, folgte sofort der erste psychologische Dämpfer, als sie die Konkurrenz im Eröffnungsspiel beobachteten: »Wir haben das Spiel gesehen und haben uns alle angeguckt. Da haben wir gesagt: ›Na ja, eine Woche und wir sind zu Hause‹. Wir waren ehrlich der Meinung, dass wir da null Chancen haben. Aber dann kam es anders.« Dass ihre Pionierarbeit nun Jahrzehnte später im Rampenlicht steht, löst bei ihr tiefe Emotionen aus: »Was das mit einem macht – es kommt sehr viel Freude auf, dass das noch mal so publik wird. Dann ist man auch stolz. Und sehr dankbar, vor allen Dingen den Machern, dass unsere Geschichte plötzlich ein Kunstwerk wird.«

Hannelore Geilen blickte mit einem Schmunzeln und viel Respekt auf die damalige Trainingsdisziplin zurück: »Ja, also zur damaligen Zeit war Anne für uns schon sehr hart. Es waren Trainingseinheiten darunter, die sehr heftig waren. Aber es beweist ja: Der Fleiß und dieses Training haben sich ausgezahlt. Ich kann heute klar sagen: Hätte es Anne nicht gegeben, gäbe es den Titel nicht.« Gleichzeitig spürt Geilen durch das Projekt eine späte Genugtuung, die sie tief berührt: »Kein Mensch hat sich für unsere Geschichte interessiert. Erst kam dann 2020 die Dokumentation, und als sich Frank und Marc dann auch noch meldeten, war ich total stolz. Stolz darauf, dass nach dieser langen Zeit Leute auf uns aufmerksam wurden. Eine gewisse Aufmerksamkeit, die uns nie zuteilgeworden ist.«

Die gezeigten Szenen, angeführt von der Hauptdarstellerin Antonia Kalinowski als Conny, versprechen eine Show, die Herz, Humor und eine starke Botschaft vereint. Für die Darstellerin, die auch gerade in Dortmund als Ich in »Rebecca« brillierte, ist es eine besondere künstlerische Verantwortung: »Die Rolle darf ich jetzt frei nach meinem Empfinden kolorieren und nach meiner Farbpalette mitgestalten. Das alles mit diesem tollen Team zusammen – das macht uns so viel Spaß.«

Komponist Stephan Kanyar war leider nicht persönlich anwesend, die gezeigten Ausschnitte gingen aber direkt leicht ins Ohr und machten Vorfreude auf die restlichen Lieder.

»Kick Like a Woman« soll eine zeitlose Erzählung über Frauen werden, die gegen alle Widerstände für ihren Traum gekämpft haben. Die gezeigten musikalischen Ausschnitte zeugten, auch dank der kraftvollen Choreografien von Faye Anderson, von sehr viel Energie und lassen ein großes Potenzial erahnen. Es soll aber auch erwähnt sein, dass in der Präsentation weder die echten Kostüme noch das fertige Bühnenbild gezeigt wurden. Doch schon allein durch das Ziel von apiro Entertainment, die deutschsprachige Musicallandschaft nachhaltig zu fördern, darf man hoffen, dass das ambitionierte Projekt das Publikum finden wird, das es verdient. Mit Frank Blase durften wir nach der Pressevorführung ein ausführliches Interview führen, in dem er unter anderem über die geplanten Bauvorhaben in Köln spricht, aber auch darüber, warum ihm persönlich das Musical und speziell die Entwicklung deutschsprachiger Musicalkunst so sehr am Herzen liegen. Dieses Interview werden Sie in der kommenden Ausgabe der blickpunkt musical finden.

Für alle, die jetzt Lust auf das Stück haben: Mit dem Kulturförderticket hat man die Möglichkeit, noch bis Ende des Jahres sehr kostengünstig die Show zu besuchen, danach wird dann der Normalpreis aufgerufen.