Es war einmal in Paris: »& Julia«-Premiere im Palladium Theater Stuttgart

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Es war einmal… So könnte die Geschichte von »& Julia« anfangen. Es war einmal ein Schriftsteller namens William Shakespeare, der sein neues Werk »Romeo und Julia« dem Publikum präsentieren möchte. Doch dann findet seine Frau Anne Hathaway, dass das Ende viel zu dramatisch sei und dass es doch viel besser wäre, wenn Julia sich nicht umbringen, sondern weiterleben würde. Und plötzlich nimmt die Geschichte eine ganz neue Wendung: Schon an Romeos Sarg erfährt Julia, dass sie keineswegs die einzige Frau in Romeos Leben war. Zusammen mit der besten, non-binären Vertrauensperson May und ihrer Amme Angelique flieht Julia vor ihren Eltern, die sie ins Kloster stecken wollen, von Verona nach Paris. Anne Hathaway schreibt sich als Julias Freundin April zum Entsetzen von William kurzerhand selbst mit in die Geschichte hinein und verändert damit alles.
In Paris mogeln sich Julia und ihre Begleiterinnen auf eine Party, auf der sich zunächst Julia und François, der reiche, aber sehr schüchterne Sohn des Clubbesitzers Lance, ineinander verlieben. Julia akzeptiert seinen Antrag, um nicht ins Kloster zu müssen, doch dann entscheidet Shakespeare, dass sich eine Romanze zwischen May und François entspinnen soll. Um das Verwirrspiel komplett zu machen, holt William auch noch Romeo zurück. Es beginnt ein munteres »Was wäre wenn«-Spiel.
Schon bevor die Geschichte richtig losgeht, gibt es ein Warm-up: Viele der Darstellerinnen und Darsteller sind bereits vorab auf der Bühne, tragen Requisiten und unterhalten sich mit dem Publikum. Das wurde bei der Premiere begeistert gefeiert und mit Szenenapplaus honoriert.
Hinzu kommt die Musik, die aus lauter Welthits besteht – interpretiert unter anderem von den Backstreet Boys, Britney Spears, Katy Perry, Bon Jovi und Céline Dion. Sie alle stammen aus der Feder des schwedischen Erfolgsproduzenten und Songwriters Max Martin. So ist es nicht verwunderlich, dass das Publikum begeistert mitfeiert und mitsingt. Im Stuttgarter Palladium Theater wurde dafür sogar eigens eine Partylounge eingerichtet.
Wer nun jedoch vermutet, es handele sich bloß um ein reines Jukebox-Musical und ein fröhliches Verwirrspiel, übersieht die tiefere Botschaft: Es geht um Selbstbestimmung, Toleranz, Frauenpower, Queerness und um die Freiheit, das eigene Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. Dass Anne Hathaway es wagt, ihrem Mann William Shakespeare vorzuhalten, wie einsam ihr Leben auf dem Land war, während er sich in London feiern ließ, verleiht dem Stück emotionale Erdung. All diese Themen werden herrlich entspannt, pointiert und ganz ohne erhobenen Zeigefinger erzählt.
Sabrina Weckerlin als Anne Hathaway/April beweist einmal mehr, warum sie zu den gefragtesten Musicaldarstellerinnen im deutschsprachigen Raum zählt. Ihre wandlungsfähige Stimme ist nur eines ihrer Talente: Für ihre Interpretation von ›That’s the Way It Is‹ gab es tosenden Zwischenapplaus und Standing Ovations. In »& Julia« zeigt sie zudem eindrucksvoll ihr komödiantisches und tänzerisches Können.
Maximilian Mann als William Shakespeare begegnet ihr auf Augenhöhe; die Dialoge der beiden sprühen vor Witz und Temperament. Dass er hervorragend tanzen kann, durfte Mann in Stuttgart bereits andeuten – etwa als Dschinni in »Aladdin«. Besonders amüsant wird es, wenn er zusammen mit Romeo, May, François und Lance als »Boyband« mit ›Everybody‹ die Backstreet Boys parodiert.
In der Titelrolle brilliert Sebeya. Man fragt sich unweigerlich, welche Stimmgewalt diese zierliche Darstellerin entfesselt. An ihrer Seite wirkt Jonathan Guth als Romeo darstellerisch etwas zurückhaltender, punktet dafür aber mit spitzbübischem Charme, starker Stimme und großartiger Bühnenpräsenz.
Eine ganz eigene Energie bringt May auf die Bühne, verkörpert von Ibi. Die Rolle wird ungemein feinfühlig, ungezwungen und berührend gezeichnet. Im Zusammenspiel mit dem schüchternen François – wunderbar warmherzig gespielt von Esmael Agostinho – entsteht ein echtes Highlight. Während sich François zunächst mit Julia verlobt, um seinem Vater Lance und dem Militärdienst zu entgehen, erkennen François und May schließlich ihre wahren Gefühle füreinander.
Die Rolle des Lance übernimmt an ausgewählten Terminen im April und Mai 2027 Uwe Kröger; regulär steht Carlos de Vries als strenger Vater mit französischem Akzent auf der Bühne, der in Julias Amme seine alte Jugendliebe wiedererkennt. Jacqueline Braun glänzt als Amme Angelique: Mit großartigem Timing, Witz und Soul-Stimme erobert sie das Publikum im Sturm.
Getragen wird die Inszenierung von einem spielfreudigen Ensemble, das die dynamischen Choreografien mit enormer Präzision und Energie auf die Bühne bringt. Die Kostüme von Paloma Young – eine gelungene Symbiose aus Elisabethanischem Zeitalter und moderner Streetwear – fügen sich perfekt in das farbenfrohe Gesamtbild ein. Das Bühnenbild von Set-Designer Soutra Gilmore und Video-Designer Andrzej Goulding sowie das spektakuläre Lichtdesign von Kathy Pineo setzen moderne visuelle Maßstäbe. Die Stuttgarter Band wird gewohnt souverän von Boris Ritter geleitet, der am Pult für den perfekten Broadway-Sound sorgt.

 

Ein ausführlicher Bericht wird in der kommenden Ausgabe unserer blickpunkt musical erscheinen.