Symbolträchtig am »Tag der Befreiung« hatten das Team des Festspielhauses Neuschwanstein sowie der Admiralspalast zum Pressegespräch über die anstehende Tour des Musicals »Die Weiße Rose«, die im Juni und Juli dieses Jahres in Berlin, Düsseldorf, München, Füssen, Stuttgart und Köln Station machen wird, geladen. Über eine normale Pressekonferenz hinausgehend hatte man zu einem interessanten Podiumsgespräch geladen, an dem neben dem Autorenteam Vera Bolten und Alex Melcher auch Steffen Krach (Kandidat der SPD für das Amt des Regierenden Bürgermeisters bei der im September anstehenden Wahl in Berlin), Daniel Donskoy (Schauspieler und Fernsehmoderator, der sich schwerpunktmäßig mit Fragen gesellschaftlicher Verantwortung auseinandersetzt) sowie später in der Diskussion Bernd Ruffer (Geschichtslehrer am Gymnasium in Hamburg sowie Verfasser der begleitenden Unterrichtsmaterialien für das Stück) sowie Thorben Bauer (Gesamtschülervertreter in Hamburg in diesem Gymnasium) teilnahmen, das Ganze unter der souveränen Diskussionsleitung von Lorenz Maroldt (Chefredakteur des »Tagesspiegels«).
Vera Bolten, die das Buch und die Texte (auf der Basis von Originaldokumenten) verfasst hat (und dafür 2025 mit dem Deutschen Musical Award für Bestes Buch ausgezeichnet wurde), erzählte zunächst einmal etwas zur Entstehungsgeschichte des Musicals, das seit 1997 in der Pipeline war, wobei zunächst einmal lange Jahre der Recherche anstanden. Sie erwähnte, dass sie auch sehr früh Kontakte zu Historikern dieser Epoche und der »Weiße-Rose«-Stiftung aufgenommen hatte, weil es ihr besonders wichtig war, in historischer Treue den Figuren gerecht zu werden. An diesem Punkt hab es ein erstes Musikbeispiel aus dem Musical, in dem Friederike Zeidler als Sophie Scholl eine Wiese in der ›Heimat‹, mit Bandbegleitung, besang. Wenn man die allerersten Präsentationen im Frühjahr 2025 in Füssen erlebt hat, kommt man nicht umhin festzustellen, wie sehr die junge Darstellerin in ihrer Rolle gereift ist.
Steffen Kracht sprach in seinem Diskussionsbeitrag den Tag der Befreiung an und schlug den Bogen zum immer wieder nötigen Kampf für die Demokratie, besonders angesichts der Gefahr durch den wieder aufkommenden Rechtsextremismus. Daran anschließend mahnte Daniel Donskoy, dass seiner Erfahrung nach viele Menschen das Vertrauen in die Demokratie verloren hätten und dass besonders durch die sozialen Medien, deren Schnelllebigkeit einer rationalen Analyse oft abträglich sei, eine gefühlsmäßige Bindung der Menschen zur Demokratie oft fehle und viele Menschen keine Vision hätten, was Deutschland für sie eigentlich bedeute. Vera Bolten merkte dazu an, dass ja eigentlich die Menschen das Land ausmachen, und dass in diesem Zusammenhang Zivilcourage, wie sie die Weiße Rose gezeigt hatte, essentiell ist zur Erhaltung und Verteidigung der Demokratie. In diesem Zusammenhang wies sie auf Nachgespräche hin, die nach jeder Show des Musicals angeboten werden und wo ihrer Erfahrung nach oft wichtigen Gesprächen zustande kommen. Donskoy ergriff die Gelegenheit, eine Lanze für das Live-Theater zu brechen als einem der wenigen komplett KI-freien Räume, und lobte das Musical für seine Fähigkeit, auch eher theaterferne Schichten zu begeistern, und er versäumte es nicht, in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit auch der staatlichen Kulturförderung hinzuweisen.
Bernd Ruffer brachte dann eine weitere Perspektive aus seiner Tätigkeit als Geschichtslehrer an einem Hamburger Gymnasium ein, indem er anmerkte, dass die Aufmerksamkeit der Schüler zunehmend schwerer zu erhalten sei und dabei insbesondere kritisierte, dass von staatlicher Seite gerne Stunden im sozialwissenschaftlichen Bereich gestrichen würden, um neue Fächer wie z. B. Informatik in die Stundentafel einzubringen, wodurch bei den Schülern der Eindruck einer »Unwichtigkeit« dieser Fächer entstehe. Schülersprecher und Abiturient Thorben Bauer ergänzte um die Bemerkung, dass ein Musical die jungen Menschen unmittelbarer anspreche als theoretischer Unterricht und daher Stücke wie die »Weiße Rose« auch eine gute Unterrichtsgrundlage bilden. Auf die Bemerkung von Steffen Krach, man müsse und könne mit Musical Menschen erreichen, die sich sonst für Kultur eher nicht interessierten, bemerkte Vera Bolten mit Recht, dass die Politik dann aufhören müsse, bei der Kultur immer nur sparen zu wollen.
Daran anschließend mahnte Ruffer, dass auch die Schulen mehr und nicht weniger Geld für ihre Ausstattung brauchen und bei den Rahmenbedingungen nicht immer die sozial- und kulturgeschichtlichen Fächer als Streichpotenzial für vermeintlich »härtere« und »wichtigere« Technik- und naturwissenschaftliche Fächer gesehen werden sollten. Bauer gab zusätzlich noch zu bedenken, dass viele geschichtlichen Themen, wie eben auch die Geschichte des Dritten Reichs, erst in der Oberstufe ausführlich besprochen werden, was den Schülern der Sekundarschulen, die in der 10. Klasse die Schule verlassen, natürlich nicht wirklich etwas bringt – hier müsste nachgebessert werden in der Mittelstufe.
Die animierte und nachdenkenswerte Diskussion endete mit einer Reflexion von Hans Scholl über den Krieg und die Besatzungszeit in Paris, die Jonathan Guth sehr intensiv vortrug. Mit einigen Fragen eher praktischer Art aus dem Publikum endete der informative Vormittag.
Ein wichtiger Hinweis noch zum Schluss: Da die vormittäglichen Schulvorstellungen fast ausverkauft sind, können interessierte Schulen / Klassen auch die Abendvorstellungen zu den vergünstigten Schulklassenpreisen buchen. Alle Infos dazu (auch zum Unterrichtsmaterial) sowie die Kontaktdaten findet man auf der Webseite des Musicals https://dieweisserose-tour.de/.

