Wir sind am Leben
Original Berlin Cast 2026
Als »Herzensprojekt« und das »Persönlichste, das wir je erzählen durften«, bezeichnen Peter Plate und Ulf Leo Sommer ihr neuestes Musical »Wir sind am Leben« im CD-Booklet. Das nimmt man ihnen ohne Frage ab, schließlich erzählt die Geschichte mit einem Buch von Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka von einer Gruppe von Freunden, Künstlern, Bohémiens, die im Berlin der 1990er Jahre ihren Weg durch Nach-Wende-Wirren und AIDS-Epidemie suchen. Der Kampf um Beziehungen, beruflichen Erfolg und in manchem Fall auch ums nackte Überleben wurde auch inspiriert von den eigenen Erfahrungen, die Plate und Sommer zu Beginn ihrer Karriere gemacht haben. Nicht umsonst schreiben sie, dass sie erinnern wollen: »An die, die gegangen sind. An die, die geblieben sind.« Nicht zuletzt an die vor einem Jahr plötzlich gestorbene Rosenstolz-Sängerin AnNa R. muss man immer wieder denken, nicht nur bei Celina dos Santos‘ Figur der Nina. So bringt »Wir sind am Leben« das Potenzial mit sich, in seiner Mischung aus autobiographischer Erzählung, Gesellschaftsspiegel und einer Geschichte zwischen Hoffnung und Tragik eine Art deutsches »Rent« zu werden.
Leider löst, bei allem Sympathievorschuss, die Partitur dieses Potenzial nicht vollständig ein. Mit dem Opener ›Konsum Hoffnung‹ geht es noch verheißungsvoll und energetisch los. Aber viele der folgenden Tracks klingen zu gleichförmig, um wirklich mitzureißen. Vielleicht sind die Arrangements diesmal etwas poppiger bzw. elektronischer geraten, aber sonst hätten die meisten Tracks auch problemlos in »Romeo & Julia« oder den »Ku’damm«-Musicals auftauchen können – und hätten dort nicht zu den stärksten Songs gehört. So ganz kann man nicht festmachen, woran dieser Eindruck liegt, schließlich ist es ja auch zu erwarten gewesen, dass Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange ihrem musikalischen Stil und ihrer Handschrift treu bleiben. Vielleicht sind manche Songs zu kurz geraten, um sich voll entfalten zu können, vielleicht hat man sich an die Art und Weise, wie dieses Team Musical macht und schreibt, mittlerweile zu sehr gewöhnt – vielleicht fehlen diesmal aber auch einfach die wirklich mitreißenden Hooklines und Melodien. Man vergleiche nur die beiden Rosenstolz-Hits (›Die Schlampen sind müde‹ und ›Wir sind am Leben‹, hier in einem sehr disco-lastigen Arrangement), die ihren Weg in dieses Musical gefunden haben, mit dem Gros der restlichen Songs …
Einige Highlights gibt es natürlich dennoch zu entdecken. ›Supernovadiscoslut‹ schafft, auch dank Jörn-Felix Alts eindringlicher Interpretation, den Spagat zwischen introspektiver Musicalnummer und tanzbarem Popsong; mit ›Marlene‹ legt Alt später noch eine große Schippe drauf. Titel wie ›Hab ich wirklich gelebt?‹, ›Ab wann kann man mich kaufen?‹ oder besonders das packende ›Kalte Schwester‹ (großartig dargeboten von Markus Spagl) zeichnen Charaktere mit Tiefe und gehen als veritable Theatersongs durch. Steffi Irmen, die als »Die Amme« aus »Romeo & Julia« zum Publikumsliebling avancierte und sogar ihre eigene Spin-Off-Show bekam, spielt auch hier mit und zeigt als Ninas Mutter Rosi nochmal ganz andere Facetten. Ihre Songs ›Salon Rosie‹ und vor allem ›Leb wohl, Wittenberg‹ gehören zu den stärksten der Partitur. Hauptdarstellerin Celina dos Santos hat dagegen nicht das beste Material bekommen, darf aber immerhin mit dem erwähnten Rosenstolz-Hit ›Die Schlampen sind müde‹ glänzen, im Duett mit Irmen bei ›I.M. Schere‹ abräumen und mit Daniel Pohlen in ›Mein Berlin‹ abrocken.
Neben den bereits genannten Solist:innen haben auch Kathi Damerow, Johanna Spantzel und Nik Breidenbach gelungene Auftritte. Die Produktion durch die drei Komponisten kommt gewohnt tadellos und radio-kompatibel daher. An der Energie und Qualität des Cast und der musikalischen Umsetzung liegt es also nicht, dass »Wir sind am Leben« zumindest auf CD nicht so wirklich zündet. Vielmehr hatte man mehr Hoffnung in die Stärke der Partitur gesetzt, die nicht vollständig erfüllt wurde. Irgendwie mag man das Stück dann aber doch – vielleicht muss man es einfach live gesehen haben.
Fazit: Nicht der erhoffte Hit, trotz einiger starker Songs – aber dennoch ein grundsympathisches Musical.
23 Titel
73:50 min
CD im Digipack mit 28-seitigem Booklet mit Credits, Liner Notes, Songtexten und Fotos
Titelliste:
01. Konsum Hoffnung
02. Kupferrot (Schlaflos in Berlin)
03. Supernovadiscoslut
04. Pirouetten drehen
05. Tanzen 2000
06. Das mit dem Kleid
07. Hab ich wirklich gelebt?
08. Ich werd‘ nicht weinen
09. Ab wann kann man mich kaufen?
10. Salon Rosie
11. Du wolltest doch das Kind
12. Blackbox
13. Kupferrot
14. Kalte Schwester
15. Leb wohl, Wittenberg
16. Zu schön, um hübsch zu sein
17. Die Schlampen sind müde
18. Marlene
19. Freiheit ist die schönste Stadt der Welt
20. I.M. Schere
21. Mein Berlin
22. Millenium
23. Wir sind am Leben

