Schwer verliebt: »Hello, Dolly!« im Klagenfurter Stadttheater

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Noch bevor der Vorhang sich öffnet, beginnt das Erlebnis beim Besuch von »Hello, Dolly!« im Theatersaal – nämlich dann, wenn das Kärntner Sinfonieorchester zur Ouvertüre ansetzt. Man hat das Gefühl, die Decke im Zuschauerraum, die ab diesem Moment mit Lichtelementen beleuchtet wird, beginne mitzutanzen. Unter der Leitung von Günter Wallner erklingen die ersten Töne dieses großen und großartigen Orchesters und die Zeitreise beginnt: eine Reise in die gute alte Zeit des klassischen Musicals.

Die Inszenierung unter der Regie von Igor Pison ist eine Aufführung, in der es nicht nur um die Liebe geht, sondern in die man sich als Zuschauer einfach verlieben muss. Das fängt bei den Kostümen an (Nicola Reichert und Bettina Breitenecker), die zeitlich an das Ende des 19. Jahrhunderts angepasst sind – sehr klassisch und doch überaus farbenfroh, mit viel Glitzer, um einer solchen Produktion die entsprechende Aufwartung zu machen. Auch das Bühnenbild (Anneliese Neudecker) ist klassisch und kommt ganz ohne modern gewordene Projektionen oder LED-Elemente aus. Es ist einfach eine wundervolle Kulisse auf einer klassischen Drehbühne, die in ihrer Verwandlung immer wieder überrascht und Staunen auslöst. Gleitende Elemente, Treppen, echte Türen – und das Ganze von Helmut Stultschnig ins rechte Licht gerückt. Mehr braucht es oft nicht, wenn in einer Produktion alles aufeinander abgestimmt und miteinander verbunden ist.

Die große Bühne bietet an sich viel Platz. Doch wenn das Darstellerensemble, das Tanzensemble, der Chor und die Statisten des Stadttheaters Klagenfurt zusammenkommen, wird es fast eng. Beim großen Highlight ›Hello, Dolly!‹ haben wir über dreißig Personen gezählt. Die Choreografie von Andrea Danae Kingston wirkt fulminant – egal, ob eben jene dreißig Personen auf der Bühne stehen oder nur ein, zwei Darsteller. Neben klassischen Tanzsegmenten bringt Kingston auch eine gute Portion Humor und Slapstick ein. Man fühlt sich vor ein großes Wimmelbild versetzt und entdeckt immer wieder Neues. Dennoch wirkt die Inszenierung entschleunigt, präzise und beeindruckend. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Markus Hänsel schafft es der Regisseur, eine alte Geschichte komplett zu entstauben, ohne Modernität erzwingen zu wollen, und das Klassische dennoch nicht kitschig wirken zu lassen.

All das wird von einem starken Ensemble umgesetzt. Im Mittelpunkt steht natürlich Dolly Gallagher Levi, die Namensgeberin und der Hauptcharakter des Stücks. Sie wird von Carin Filipčić brillant verkörpert. Filipčić versteht es mit Bravour, der Figur in den unterschiedlichen Szenen nicht nur vielschichtige Charakterzüge zu verleihen, sondern die Zuschauer auch mit auf die Abenteuer zu nehmen, die es zu bestehen gilt. Es ist wunderbar, Carin Filipčić wieder einmal in einer solch humorvollen Rolle zu sehen und zu hören, wie sie die großartigen Songs interpretiert. Höhepunkt ist ihr Auftritt im »Harmonia Gardens«, dem Spitzenrestaurant, in dem sie sich den Geschäftsmann Horace Vandergelder – der sie eigentlich engagiert hat, um ihn zu verkuppeln – selbst angeln möchte. Sie schafft es wie eine Marionettenspielerin, die Situation so zu lenken, dass sie am Ende die Auserwählte ist.

In der Rolle des Horace Vandergelder kann man sich über Tim Grobe freuen, der diese Figur ausdrucksstark verkörpert. Er schafft es, dass man ihn als biederen Geschäftsmann, der neben der Arbeit keinen weiteren Inhalt in seinem Leben hat und dementsprechend verbittert ist, zunächst nicht mag. Er scheint nur in Zahlen und nicht in Gefühlen zu denken. Grobe spielt und singt kraftvoll und wirkt in der Rolle sehr authentisch. Besonders amüsant ist es, wenn er sich durch die erste Reihe kämpft (»Machen Sie mal Platz da, ich will da durch!«) und über die Gründe sinniert, wie praktisch es doch für den Haushalt wäre, wieder eine Frau im Haus zu haben. Dabei spricht er in einem recht schroffen Ton auch die letzte Frau in der Publikumreihe direkt an, was die Dame ziemlich zusammenzucken lässt, das restliche Publikum aber herrlich amüsiert.

Auch für die wichtigen Nebenhandlungen hat man hervorragende Besetzungen gefunden: Cornelius Hackl (Sander van Wissen) und Barnaby Tucker (David Hegyi) fallen nicht nur durch ihre authentische Spielweise auf, sondern überzeugen auch stimmlich auf ganzer Linie. Vor allem Hegyi beeindruckt in den Tanzszenen. Irene Molloy wird von Gloria Enchill mit starker Stimme gespielt, die ihre Mimik in ernsten wie auch in heiteren Szenen gekonnt einzusetzen weiß. Es macht große Freude, ihr Spiel zu verfolgen.

Elke Kottmair in der Rolle der Ernestina Money muss an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden. Sie hat zwar nur eine kleine, aber sehr bedeutende Rolle: Sie ist der Lockvogel, mit dem Dolly den Geschäftsmann nach New York lockt. Das sorgt für herrliche Szenen, die das Publikum liebt – und auch hier hilft das wunderbare Bühnenbild mit einfachen Mitteln zu großen Höhepunkten.

Die Begeisterung für das Stück war im ganzen Saal zu spüren. Nicht nur am häufigen und kräftigen Szenenapplaus: Sogar in der ersten regulären Vorstellung nach der Premiere gab es vom ersten Moment an Standing Ovations im gesamten Saal.

Eine ausführlichere Kritik über dieses Stück können Sie kommenden Printausgabe von blickpunkt musical lesen.