Die Diva bittet zum Dienst: McNallys »Meisterklasse« in Hamburgs Schmidtchen ist einfach meisterlich!

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Maria Callas war eine der ganz Großen der Opernwelt – und Terrence McNally holte sie 1995 zurück auf die Bühne. In seinem preisgekrönten Stück »Meisterklasse« (Original: »Master Class«) erleben wir Maria Callas jenseits des Rampenlichts, in Momenten der schonungslosen Wahrheit.

New York, Anfang der 1970er Jahre. Die Stimme ist brüchig, der Ruhm verblasst, doch die Aura ist ungebrochen. In der Juilliard School tritt eine Frau vor das Publikum, die keine Kompromisse kennt: Maria Callas gibt einen Meisterkurs. Was wie eine Lehrstunde in Gesangstechnik beginnt, entfaltet sich schnell zu einem psychologischen Kammerspiel über das Wesen der Kunst und den hohen Preis der Perfektion.

Ein Denkmal für Disziplin und Schmerz, das in Hamburg mit Corny Littmanns gewohnter Regiehandschrift aus Schnelligkeit und guten Anschlüssen wirklich Spaß macht.

Littmann lässt die Diva die Protagonisten, drei junge Studenten – Sophie, Sharon und den Tenor Tony – regelrecht sezieren. Doch während Callas ihre Schüler mit beißendem Spott und unnachgiebiger Strenge zu Höchstleistungen treibt, gleitet sie selbst immer wieder in die eigene Vergangenheit ab. In berührenden Monologen erinnert sie sich an ihre großen Triumphe an der Mailänder Scala, ihre Opfer für die Bühne und die schmerzhafte Ablehnung durch ihre große Liebe Aristoteles Onassis.

Das Stück ist eine Meditation über Leidenschaft. Callas’ Credo ist klar: Wer nicht bereit ist, für die Kunst zu bluten, hat auf der Bühne nichts verloren!

Die Hamburger »Meisterklasse« kommt meisterlich im kleinen Haus der drei Schmidt-Theater zur Geltung und der kleine plüschige Saal tut dem Stück gut. Das Bühnenbild fällt, wie eben die Probenbühne, auf der das Stück spielt, schlicht aus und es sind nur ein paar Vorhänge zu sehen. Links steht ein weißer Flügel und rechts ein Barhocker, anfangs noch ohne Fußhocker.

Pianist Manny leitet den Abend mit einem Klavierkonzert und einer großartigen Songauswahl ein, an der sich die Zuschauer beteiligen dürfen! Auch die Callas selbst beschreibt gleich zu Beginn, wie schwer es ist, einfach nur aktiv zuzuhören, und auch der Rezensent merkte, dass es eine Weile dauerte, sich nur noch aufs Wesentliche an diesem Abend zu konzentrieren.

Als Freja Sandkamm als schüchterne Sängerin Sophie auftritt und nebenbei Pianist Manny ständig gemaßregelt wird, nimmt die Produktion an Fahrt auf. Wie witzig sie ihre Unbeweglichkeit spielt und was für eine schöne Stimme dann aus ihr herausströmt!

Im zweiten Teil ziehen sowohl Tempo als auch die Lacher nochmal an, denn jetzt kommt Freja mit starken US-Akzent und einem krassem Gegensatz zur Rolle aus dem ersten Teil sehr selbstsicher zum Einsatz. Ihre Sharon ist großes Kino! Tenor Tony (Ljuban Zivanovic) macht seine Sache auch hervorragend und singt und spielt mit kraftvollem Einsatz. Manny (Markus Jan Weber) lutscht zwischendurch Gummibärchen und begeistert nicht nur musikalisch am Klavier, sondern auch mit dem sehr trockenen Humor seiner Figur. Annic-Barbara Fenskes Callas hat eine durchschlagende Kraft und sie versteht es, mit dem Publikum und »ihrer Meisterklasse« gekonnt zu interagieren. Die Brüche in der Rolle meistert Annic-Barbara gekonnt und die gespielten Verluste gehen unter die Haut, so wie damals die Stimme der Callas unter die Haut ging. Großartig!

Alle Rollen wurden in passende und der Zeit angemessene Kostüme von Ricarda Lutz gesteckt. Die Maske von Sophia Mey unterstreicht die Charaktere. Anja Majeskis Requisiten, wie ein rotes Kissen oder ein Fußhocker, sind auffällig, das Stück als solches lässt aber insgesamt wenig Möglichkeiten für Opulenz zu. Chris Behrens und Florian Lehmann schaffen einen angenehmen Klang und die »Mikrofonierung« gelang optimal.

Schmidtchens »Meisterklasse« ist meisterlich umgesetzt und eine kraftvolle Erinnerung daran, dass wahre Meisterschaft nicht nur aus Talent besteht, sondern aus dem unbedingten Willen, der Welt die eigene Seele zu offenbaren.

Dies ist eine gekürzte Version des Artikels, der in der kommenden Ausgabe der blickpunkt musical 02-2026 / Nr. 140 erscheint.