Junge Alte in Lörrach: »Der Besuch der alten Dame«

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Bereits 2013 fand die Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts Klassiker »Der Besuch der alten Dame« als Musical von Moritz Schneider und Michael Reed (Musik), Wolfgang Hofer (Liedtexte) und Christian Struppeck (Buch) unter der Regie von Andreas Gergen bei den Thunerseespielen statt. Wenige Monate später löste es dann »Natürlich blond« im Wiener Ronacher ab, was weit unter den Erwartungen blieb. Doch das Schicksal der Güllener und die moralischen Fragen, die Dürrenmatt in der Erzählung stellt – wie viel ist ein Menschenleben wert? Darf man über einen Menschen und dessen Fehler in diesem Ausmaß richten? –, waren ebenfalls kein großer Erfolg in Wien, obwohl mit Pia Douwes, Uwe Kröger und Ethan Freeman höchst prominent besetzt.

Nun aber hat sich das ambitionierte Team von Serotonez Entertainment dafür entschieden, den Schweizer Klassiker im VBW-Gewand zurück in die Schweiz zu bringen. Allerdings ließ sich in Basel selbst kein entsprechend großes Theater finden, und man musste dann doch knapp über die Grenze ausweichen: ins moderne Lörracher Theater Burghof, knapp 10 Min. mit der Straßenbahn vom Basler Bahnhof entfernt. Dies ändert nichts daran, dass die beiden Inhaber und Macher, Kevin Somlo und Naris Schnegg, ein nahezu ausschließliches aus Schweizern bestehendes Team zusammengestellt haben. Somlo zeichnet für die Regie und Choreografie verantwortlich und beides ist ihm gut gelungen, wobei die Choreografie noch mehr ins Auge sticht und insbesondere in den großen Tanzszenen auch nachhaltig zu begeistern versteht.

Finn Börner war für das Bühnenbild und Licht zuständig. Mit wenigen Requisiten und ein paar Hintergrundbildern schafft er es problemlos, immer das richtige Setting zu kreieren, sodass sofort klar war, wo welche Szene gerade spielt. Die Kostüme von Ursula Roth waren zeitgemäß und überwiegend unauffällig gehalten – wenngleich Amor im knappen goldenen Slip und mit Flügeln für Aufsehen und Szenenapplaus während ›Tempel der Moral‹ sorgte und die drei Bodyguards knallig und durchaus sexy in ihren Anzügen mit hohen Absätzen herausragten. Timothy Ferns stand als Sounddesignsupervisor für die Produktion zur Verfügung, das Sounddesign selbst war für eine Premiere stimmig, an manchen Abstimmungen darf noch gearbeitet werden, damit auch in den Szenen mit vielen Darstellern der Text klar verständlich bleibt. Eine besondere Freude war das doch recht große Orchester unter der Leitung von Lorenzo Scrinzi. Scrinzi ist mit akribischer Genauigkeit mit den musikalischen Vorgaben umgegangen und hat wertvolle Akzente innerhalb der Partitur gut hervorgehoben.

Dass Serotonez Entertainment auf ein sehr ambitioniertes Team vor und hinter den Kulissen zurückgreifen kann, zeigt sich immer wieder im Laufe des Abends – so auch bei der Besetzung insbesondere der Stadtszenen. Ronja Gropp als Claire Zachanassian fehlte die altersbedingte Gebrechlichkeit in der Stimme; sie sang die Partitur dafür durchgehend sauber und mit viel Kraft. Schauspielerisch war ihre Gebrechlichkeit im Gangbild beeindruckend. Michel Ruchti wäre ein großartiger junger Alfred Ill und man kann davon ausgehen, dass man den Schauspieler noch häufig auf der Bühne sehen wird, denn er überzeugt mit viel Charme, bereits schön ausgearbeitetem Schauspiel und guter Stimmführung. Nur als eigentlich 30 Jahre älterer Ill ging er unglücklicherweise an dem Abend nicht durch – weder körperlich noch optisch war der Versuch da, ihn jenseits der 50 zu zeichnen – an seiner Maske wurde aber nach dem Premierenabend noch gearbeitet, damit er entsprechend älter wirkt. Ein echtes Highlight, auch weil sie tatsächlich optisch hervorragend besetzt ist, ist Sarah Zibung als Mathilde Ill. Zibung hat die nötige Wärme in der Stimme, sie schafft gesanglich alles mühelos und überzeugt sowohl als liebende wie auch als völlig verzweifelte Ehefrau. Unbedingt erwähnenswert sind die drei Bodyguards, die schauspielerisch, aber auch gesanglich herausragen: Vanessa Walliser, Ramona Stenz und Leony Malthaner als Toby, Roby und Loby haben durchweg Freude mit ihrer Erscheinung auf der Bühne gemacht. Als Freunde von Alfred Ill stehen Simon Frädrich als ambitionierter Bürgermeister, Simon Wyss als sehr charismatischer Pfarrer, Tobias Huber als an sich selbst zerbrechender Lehrer und Naris Schnegg als gesanglich in der Gruppe klar bemerkenswerter Polizist auf der Bühne. Nadine Michel und Simeone Geniale waren als materialistische Kinder von Ill zu sehen. Elischeva Sigg und Noah Stebler sangen als junge Claire und junger Alfred stimmig mit den beiden Alten im Quartett, auch tänzerisch waren sie entzückend. Die beiden im Stück vorkommenden Kinder wurden am Premierenabend von Yaren und Salome mit viel Spielfreude dargestellt.

Mit »Der Besuch der alten Dame« haben Somlo und Schnegg nach ihren bereits erfolgreichen Produktionen der vergangenen Jahre einen weiteren bedeutsamen Schritt gewagt, um sich als Produzenten fest am Markt zu etablieren, und es ist zu hoffen, dass sich dieser Mut für die beiden auszahlt. Die Premierengäste waren sichtlich gut unterhalten, Standing Ovations zeugten von der Anerkennung der Leistung des gesamten Teams. Der beachtliche Aufwand, gemessen an den wenigen Spielterminen, beeindruckt und es wird spannend, welches Stück sich die zwei für ihre nächste Produktion aussuchen.

Wer noch den Weg nach Lörrach finden möchte und der alten Dame einen Besuch abstatten, kann dies noch bis inklusive 09. September tun.

Dies ist eine gekürzte Version des Artikels, der in der kommenden Ausgabe der blickpunkt musical erscheint.