Es war ein strahlend schöner Tag, und eigentlich sollte es eine fröhliche Wiedersehensfeier mit dem Komponisten des Musicals werden. Doch leider konnte Ralph Siegel krankheitsbedingt an der Wiederaufnahme seines Musicals »Zeppelin« nicht teilnehmen. So wurde es ein emotionaler Abend, denn alle im Festspielhaus Neuschwanstein – egal ob auf oder hinter der Bühne oder im Zuschauersaal – dachten an ihn und wünschten ihm von Herzen eine rasche Genesung.
Das Musical »Zeppelin« erzählt in zwei unterschiedlichen Zeitsträngen die Geschichte von Ferdinand Graf von Zeppelin, der seinen Traum vom Fliegen gegen zahllose Widerstände wahr machte und zeit seines Lebens zutiefst unglücklich darüber war, dass seine Luftschiffe im Ersten Weltkrieg als Kriegswaffe eingesetzt wurden, sowie das Schicksal des wohl berühmtesten Luftschiffs der Welt: der »Hindenburg« und ihres tragischen Endes.
Das Stück beginnt mit Ferdinand und seinen Geschwistern, die gemeinsam mit den Eltern die Seidenfabrik von Onkel Macaire besuchen und dort zum ersten Mal mit der bitteren Armut der Arbeiterinnen und Arbeiter – darunter viele Kinder – konfrontiert werden. Zugleich erleben sie hier die ersten Vorboten einer Rebellion gegen die Monarchie.
In weiteren Episoden wird aus dem bewegten Leben von Ferdinand (Tim Wilhelm) erzählt: Mit 17 Jahren trat er in die Kriegsschule Ludwigsburg ein, später unternahm er eine prägende Reise nach Amerika, wo er als Beobachter am Sezessionskrieg teilnahm. Es folgen seine Heirat mit der wohlhabenden Isabella (Stefanie Gröning), der dramatische Absturz seines ersten Luftschiffs über dem Bodensee und schließlich jener Moment, in dem das gesamte Deutsche Reich für seine Vision spendete – die berühmte »Zeppelinspende«.
Der zweite Handlungsstrang setzt Anfang der 1930er-Jahre im Berliner »Club der Komödianten« (KadeKo) ein. Dort tritt die jüdische Sängerin Emmy Berg (Tanja Petrasek) auf und lernt Dr. Hugo Eckener (Jens Rainer Kalkmann), den Leiter des Zeppelin-Luftschiffbaus, kennen. Mit seiner Unterstützung gelingt es ihr und ihrem Pianisten Paul Stiller (Michael Thurner), eine Passage auf der »Hindenburg« zu ergattern. An Bord treffen sie unter anderem auf die gefeierte Schauspielerin Lilli van Hoeven (Sarah Mertins) und ihren Ehemann, den linientreuen Nationalsozialisten Lutz Grivius (Hannes Staffler), auf den Artisten Ben Dova (Claus Kupreit), der in Begleitung seines Hundes reist, auf den wohlhabenden US-Amerikaner Jim Cagney (Kevin Tarte) samt Gattin (Stefanie Kock) und Kind sowie auf die amerikanische Journalistin Kathy Wigmann (Kathryn Wiekhorst).
Nach zahlreichen dramatischen Verwicklungen über dem Atlantik endet die verhängnisvolle Fahrt des Luftschiffs LZ 129 »Hindenburg« unter dem Kommando von Kapitän Max Pruss bei der Landung in Lakehurst mit einer verheerenden Katastrophe, deren genaue Ursache bis heute Raum für Spekulationen lässt. Dass bei dem Flammeninferno von 36 Passagieren und 61 Besatzungsmitgliedern »nur« 13 Fahrgäste, 22 Besatzungsmitglieder sowie ein Angehöriger des Bodenpersonals ihr Leben verloren, grenzt rückblickend an ein Wunder. Zu den wenigen Überlebenden zählten der Artist Ben Dova und sein Foxterrier – zwei der wenigen historisch verbürgten Persönlichkeiten an Bord.
Eindrucksvoll gerät die bildgewaltige und musikalische Inszenierung durch Regisseur und Theaterleiter Benjamin Sahler. Insbesondere der Zeppelin, der frei schwebend über den Köpfen des Publikums seine Kreise zieht, sorgt für einen veritablen Wow-Moment im Saal. Doch auch das gigantische Stahlgerüst des Luftschiffs, das auf einer der größten Drehbühnen Europas wirkungsvoll rotiert, zaubert spektakuläre Bühnenbilder. Das integrierte Wasserbecken unter der Spielfläche kommt beim Absturz des Prototyps in den Bodensee eindrucksvoll zum Einsatz. Nicht minder aufwändig inszeniert ist der finale Brand der »Hindenburg« als beklemmende Symbiose aus pyrotechnischen Effekten und atmosphärischen Videoprojektionen.
Auch die vielschichtige Partitur von Ralph Siegel bietet ein facettenreiches Theatererlebnis. Neben beschwingten Ensemblenummern und Revueszenen wie ›KadeKo‹, ›When You’re on Top‹, ›Wiener Roulette‹, ›Das Wohl der Passagiere‹ oder ›Don’t You Know New York‹ berühren vor allem die intimen, feinsinnigen Balladen wie ›Wo du bist, will ich sein‹ oder ›Lass uns einfach fliegen‹. Als darstellerischer und gesanglicher Höhepunkt erweist sich die Sterbeszene des Grafen Zeppelin mit der Arie ›Ich hab gelebt‹, die Tim Wilhelm mit packender Intensität interpretiert.
Zur emotionalen Hymne des Abends avanciert das vom gesamten Ensemble getragene Leitmotiv ›Die Hindenburg‹. Einen nachdenklichen Schlusspunkt setzt das Finale mit ›Wohin führt der Weg‹: Während der gesamte Cast auf der Bühne steht, reflektiert eine gewaltige Spiegelwand das Publikum im Saal und bindet die Zuschauer unmittelbar in die historische Mahnung ein.
In den lang anhaltenden, nicht enden wollenden Schlussapplaus trat schließlich Intendant Benjamin Sahler vor den Vorhang, um zwei enge Weggefährten von Ralph Siegel auf der Bühne willkommen zu heißen. Gemeinsam wurden kurze Videobotschaften als aufmunternder Gruß an das Krankenbett des Komponisten nach München aufgezeichnet – ein berührender Abschluss eines ohnehin denkwürdigen Theaterabends.

