Backstage bei »Billy Elliot« in der MAAG Halle Zürich

  • Magazin
  • 22 Minuten zum Lesen

Am 24. Oktober feierte »Billy Elliot« Wiederaufnahmepremiere. Neben einem Blick hinter die Kulissen durften wir in diesem Rahmen sehr interessante Interviews führen:

Interview mit Leo Lemmerich (Billy Elliot)

Foto: René Tanner

blickpunkt musical: Leo, du bist jetzt schon in der zweiten Saison dabei. Wie es für dich, dass du die Wiederaufnahmepremiere spielen darfst? Und das in einer der größten Rollen, die man überhaupt spielen kann?

Leo Lemmerich: Die Premiere zu spielen ist schon sehr cool. Aber in Summe bin ich natürlich vor allem dankbar, dass ich das alles hier machen kann. Man ist natürlich immer sehr müde nach den Shows, weil man ja fast immer auf der Bühne ist, aber es macht voll Spaß.

blimu: Die Rolle hat ja ein enorm hohes Anforderungsprofil, allein von den verschiedenen Tanzrichtungen her. Von welcher Tanzrichtung kommst du? Ich habe gelesen, dass ihr alle ganz unterschiedlich vorgebildet wart.

LL: Ich komme von den Lateinamerikanischen Tänzen. Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso-Doble, Jive, Samba. Deswegen war es dann nochmal eine Hürde für mich, dass ich auch noch Ballett lernen musste. Ich hatte ganz früher schon mal Ballettunterricht, habe dann aber aufgehört und erst für Billy wieder angefangen. Jetzt mache ich kein Latein mehr, sondern nur noch Ballett.

blimu : Weil dir die Zeit fehlt oder weil jetzt auch die Lust am Ballett so viel größer geworden ist?

LL: Schon ein bisschen beides. Also die Lust ist sicher ein bisschen größer geworden, aber natürlich fehlt mir auch die Zeit. Ich habe auch zusätzlich noch in der Schule viel zu tun. Letzte Saison war ich noch in der Sekundarschule. Jetzt bin ich im Gymnasium. Deswegen mache ich auch nicht mehr die Shows in der Woche, sondern nur am Wochenende. Für mich war es halt immer sehr anstrengend, wenn ich am Mittwoch oder Donnerstag die Show hatte und dann am nächsten Morgen trotzdem früh in die Schule gehen musste.

blimu: Nehmen die Lehrer denn Rücksicht auf dich, auf dein Engagement hier?

LL: Letztes Jahr nicht, das war eine normale Schule, da gab es keine Erfahrungen mit Kindern wie mir. Jetzt ist es anders, auf der neuen Schule gibt es viele Sportler, auf die sie Rücksicht nehmen, d. h. sie können mit der Situation umgehen und auf mich eingehen. Ich habe zum Beispiel keinen Sportunterricht mehr, sie wissen ja, dass ich hier sehr viel trainiere, und so kann ich die Stunden dann nutzen, um für die anderen Fächer zu lernen.

blimu: Wie ist denn der Probenprozess bei »Billy Elliot« für dich?

LL: Also für mich ist es natürlich in der zweiten Saison ein bisschen einfacher geworden, ich musste jetzt nicht mehr viel Neues lernen. Also natürlich gibt es immer wieder mal ein paar Änderungen, wo man wieder dazu-/umlernen muss. Aber es war viel weniger als letztes Jahr. Nach der Sommerpause musste ich trotzdem erst einmal wieder an mir arbeiten, damit alles wieder passt, ich wieder alle Texte und Schritte kann.

blimu: Gibt es denn irgendetwas, was du besonders gerne magst an der Rolle: Das Schauspiel, das Tanzen oder das Singen?

LL: Also persönlich mag ich eigentlich den Schauspielteil schon am meisten, weil ich gerne den Zuschauern meine Emotionen weitergebe. Wenn manche sagen, sie haben in dieser und dieser Szene geweint, dann macht mich das glücklich, weil ich dann weiß, dass ich gute Arbeit geleistet habe. Aber natürlich mag ich das Tanzen auch sehr. Mein Traum ist es, Schauspieler zu werden.

blimu: Du hast im vergangenen Jahr ja schon sehr viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Wie ist das für dich?

LL: Mega, also ich mag es halt, in den Medien zu sein, das gefällt mir sehr. Auch zum Beispiel die Helene-Fischer-Show hat mir sehr gefallen. Das war eine riesige, neue Erfahrung für mich, das war vor noch mehr Publikum als hier und dann habe ich auch noch berühmte Personen dort getroffen, das ist natürlich noch mal was ganz Besonderes.

blimu: Hast du dir Gedanken darüber gemacht, wie viele Millionen dich dann im Fernsehen sehen?

LL: Ja, mir wurde mal gesagt, dass es dann so etwa fünf Millionen Menschen waren, und das ist dann schon was richtig Großes.

blimu: Kann man sich gar nicht richtig vorstellen, diese Masse.

LL: Ja, und es waren ja dreizehneinhalbtausend Zuschauer vor Ort, das war wirklich krass. Ich mag das alles sehr, es war schon immer ein bisschen mein Traum, berühmt zu werden.

blimu: Das dürftest du jetzt geschafft haben. Diese Rolle zu spielen, in der deutschsprachigen Erstaufführung, da darf man schon davon sprechen, dass man eine Berühmtheit ist. Es ist wirklich sehr beeindruckend, was du auf der Bühne leistest. Wie war denn für dich der Castwechsel? Für dich hat sich ja doch einiges geändert, du hast u. a. einen neuen Vater.

LL: Also ich war natürlich schon sehr traurig, als die anderen gegangen sind. Wir hatten eine längere Zeit zusammen auf der Bühne und man wächst halt immer mehr zusammen. Es wird dann wirklich so wie eine Familie. Aber ich habe mich jetzt auch auf die Neuen gefreut, weil es dann wird es wieder mal ein bisschen lebendiger wird. Da ist es wie mit den Michaels – mit jedem ist es anders zu spielen. Und das ist gut so, denn dadurch entstehen immer wieder neue Sachen. Wären wir immer nur dieselben auf der Bühne, hätten wir vielleicht gar nicht die Verbindung oder diese große Freude jeden Abend. Aber so bleibt alles frisch. Für uns und für die Zuschauer.

blimu: Bekommst du die Zuschauer eigentlich aktiv mit, wenn du auf der Bühne stehst?

LL: Ich konzentriere mich nicht auf die Zuschauer, aber ich sehe sie natürlich immer wieder. Wenn manche Zuschauer so ein bisschen tuscheln oder so, dann merke ich das. Oder ich finde es auch mega schön, wenn ich die Menschen zum Lachen bringen kann. Oder auch zum Beispiel, wenn ich fliege, dann sagen viele »Wow«, das höre ich dann und das macht mich total glücklich.

blimu: Ich kann dir verraten, dass ich immer an der Stelle mit dem Brief von der Mutter weine. Ich kann gar nicht anders. Wie ist das für dich, ich bin ja nicht die Einzige, da hört man sehr viel Schluchzen. So ein hochemotionaler Moment muss doch als Schauspieler schwierig sein.

LL: Ich habe zum Glück meine Mutter noch, aber ich möchte in der Rolle halt auch immer weinen an dieser Stelle. Das passiert dann auch meistens, weil ich dann zum Beispiel an Momente denke, in denen meine Mutter zum Beispiel im Spital war. Manchmal denke ich auch an sehr berührende Momente, die ich einfach im normalen Leben sehe. Zum Beispiel habe ich gerade erst im Zug eine Tochter gesehen mit ihrer Mutter. Die Mutter war halb blind, und dann hat ihre Tochter ihr immer den Weg gezeigt. Das war mega schön. Also die Emotionen in dem Moment richtig zu spüren, finde ich auch auf der Bühne total wichtig.

blimu: Vielen Dank für das sehr berührende Interview! Wir sind fest davon überzeugt, dass sich dein Wunsch einer großen Schauspielkarriere erfüllen wird und freuen uns, deinen Weg weiter verfolgen zu dürfen!

Interview mit Sabine Martin (Grandma) 

Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie;

blickpunkt musical: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu der so gelungenen Wiederaufnahmepremiere!

Sabine Martin: Vielen Dank, ich freue mich wirklich riesig! Und ich bin auch tatsächlich stolz, weil ich diese Rolle so richtig liebe. Ich liebe diese Großmutter mit ihrer Kraft, mit ihrem Humor und ihrer Wärme. Sie ist so taff und gleichzeitig manchmal auch so verloren – die Rolle bietet einfach total viele Facetten. In ihrer Verrücktheit liegt viel Freiheit, in dem, wie sie dann aber auch Billy immer mal wieder berührt, auch so viel Liebe.

blimu: Ich habe mich sehr gefreut, dass »Billy Elliot« in eine zweite Runde gehen durfte. Es ist, privat finanziert, ja immer ein noch größeres Risiko.

SM: Oh ja, es ist finanziell ein Risiko, aber auch logistisch eine riesige Herausforderung mit den vielen Billys und Michaels, immer alle zu trainieren und begleiten. Und dann obendrauf auch noch uns verrückte Erwachsene – die haben hier schon viel zu stemmen. (lacht)

blimu: Wie ist es denn für Sie, mit den Kindern zusammenzuarbeiten?

SM: Das ist in allererster Linie ein großes Glücksgefühl. Das muss ich ehrlich sagen – und wir Erwachsene lernen so viel von den Kindern. Sie sind so erfrischend, und jeder von ihnen ist ganz anders in den Rollen. Egal ob die Billys, Michaels oder auch die Mädchen. Sie haben alle so eine Begeisterung in den Augen, so viel Feuer und Flamme. Das ist ansteckend, diese Lebenslust – und das, obwohl das Stück ja durchaus ziemlich tragisch ist.

blimu: Sie sind ja schon ein »alter Hase« und haben nun eine fast neue Familie an die Seite gestellt bekommen. Wie ist die Zusammenarbeit mit Livio Cecini?

SM: Er ist ein wunderbar-bezaubernder Kollege, sehr angenehm, sehr offen. Das schöne ist ja, dass ich immer die gleiche bin, aber durch dieses Einlassen auf die anderen Bühnenpartner passiert dann doch auch immer etwas mit der eigenen Figur, es fließen immer andere Aspekte mit hinein. Das macht es so spannend. Ich habe die alte Cast wirklich geliebt und vermisse sie – es waren so wunderbare Menschen. In vielen Momenten sind sie für mich auch noch immer einfach da, sie gehören einfach dazu. Aber die neuen sind dann jetzt auch wieder so tolle Menschen, hier passiert einfach alles mit so einer Wärme und Freude. Und das Herz ist groß genug, da ist Platz für wirklich viele Menschen.

blimu: Als Großmutter sind Sie ja nicht die ganze Zeit auf der Bühne- Stehen Sie manchmal auch einfach nur am Seitenrand und schauen ergriffen zu?

SM: Ich habe ehrlich gesagt gar nicht so viel freie Zeit, wie man denken könnte. Ich singe alle Chornummern mit und ich muss auch helfen, die Bühnenteile mit zu verschieben. D. h. ich bleibe immer mit im Stück und mir persönlich gefällt das auch so. Ich würde ohnehin nicht hoch in die Garderobe gehen wollen. Es gibt auch immer Szenen, die ich mir wirklich jedes Mal mit Begeisterung von der Seite anschaue. Die mit Michael und Billy zum Beispiel, mit den Kleidern. Heute habe ich auch ›Electricity‹ geschaut. Das Stück ist so gut, es ist wirklich eins der bestgeschriebenen Stücke. So intensiv, so speziell, so großartig. Und es gibt Momente, da muss ich immer weinen. Bei dem Lied mit der Mutter, das ist so großartig geschrieben, vom Text. › Ich habe verpasst, dich zu begleiten. Verpasst, mit dir zu streiten. Verpasst, dich zu beschimpfen.‹ Das ist ein ganzes Mutterleben, zusammengefasst auf ein paar Zeilen. Ich habe schon so viele Verluste in meinem Leben erlebt, die Vorstellung, dass ein Kind seine Mutter verloren hat, berührt mich immer zutiefst.

blimu: Aber auch das Lied der Großmutter ist sehr berührend und es hat eine großartige Choreografie.

SM: Oh ja, das stimmt, aber wir haben sie jetzt ein bisschen geändert. Ich berühre die Männer gar nicht mehr, sie sind jetzt wirklich nur noch reine Traumfiguren für mich. Das finde ich auch ganz schön so.

blimu: Gab es sonst noch Änderungen?

SM: Ich habe die Figur etwas anders weiterentwickelt. Ich habe mal in einem Altersheim eine sehr beeindruckende, sehr taffe und schwer demente Frau mit einem wirklich heftigen Ton kennengelernt. Diese Frau war ein bisschen Vorbild für mich bei der Rollenfindung. Was ich jetzt versuche, ist, die Verlorenheit noch mehr zur Geltung zu bringen, die sanfteren Töne, die Hilflosigkeit, wenn sie die Pastete sucht oder Tony nicht mehr erkennt. Diese Momente, wo man nicht mehr weiß, ob sie selbst merkt, dass sie dement ist, oder ob sie es selbst nicht mehr merkt oder sogar aktiv damit spielt, was Demente ja durchaus auch machen. Für mich ist diese Rolle, diese Stück und diese Cast wirklich ein wahres Geschenk!

blimu: Und es ist eine große Freude, Sie darin sehen zu dürfen! Wir wünschen Ihnen eine ganz wunderbare zweite Spielzeit!

Interview mit Rudi Reschke (Vater/George)

Foto: René Tanner

blickpunkt musical: Sie haben anstrengende Monate hinter sich – im Sommer haben Sie bei »Die Päpstin« mitgespielt, dann kam direkt die erste heiße Phase bei »Tarzan«, wo Sie, wieder einmal, die Darsteller fit für die Bühne machen. Und jetzt stehen Sie wieder in Zürich in »Billy Elliot« auf der Bühne, sowohl als Boxtrainer als auch als Vater. Das ist ein beeindruckendes Pensum.

Rudi Reschke: Ich feiere nächstes Jahr mein 40. Bühnenjubiläum als ausgebildeter Darsteller und ja, ich darf mich im Moment tatsächlich nicht beschweren, es sind viele, ganz großartige Produktionen, die alle unterschiedliche Herausforderungen haben und es für mich natürlich wahnsinnig spannend machen. Aber es ist auch anstrengend, der Beruf hat sich durchaus verändert in den vier Jahrzehnten.

blimu: Inwieweit?

RR: Also für uns Darsteller z. B., weil jetzt anders inszeniert wird. Die modernen Inszenierungen sind alle so, dass jeder Darsteller auch Bühnenteile verschiebt, bzw. mit auf die Bühne bringt. Das macht alles präzise und sehr flüssig und schafft optisch andere Möglichkeiten. Es wird gefühlt auch immer wichtiger, dass man nicht nur einen vollen Lebenslauf mit sich bringt, sondern auch viele Follower in den sozialen Medien hat. Das ist faktisch eine eigene Währung geworden, wo oft vergessen wird, wie hart der Beruf als Schauspieler ohnehin schon ist. Unser Beruf ist Handwerk und man muss jeden Tag neu an sich arbeiten, den Körper fit halten, die Stimme trainieren, Texte lernen. Man wird nicht zum Star geboren, man muss für jeden Erfolg hart arbeiten, vor allem, wenn der Erfolg lang halten soll. Und parallel dazu hat sich verändert, wie die großen Produktionen mit Namen umgehen. Da wird nicht mehr mit Namen geworben, bzw. nur noch in seltenen Fällen. Die Zuschauer wollen ein perfektes Produkt – wer genau das auf der Bühne darbietet, ist nahezu zur Nebensache geworden. Und da muss man ja schon fast dankbar sein, wenn z. B. die Produktionen im Theater des Westens, von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, oder auch hier, bei »Billy Elliot« tatsächlich noch altersgerecht besetzen – auch das wird leider weniger. Und dabei merkt und sieht man ja, an den Erfolgen und jeden Abend an den Publikumsreaktionen, wie sehr geschätzt wird, wenn da wirklich gute Schauspieler mit guter Aussprache und rollenentsprechend gecastet werden.

blimu: Genau, das ist tatsächlich auffällig, wie hoch die ganze Qualität der Produktion sofort wird, einfach nur, weil man die Witze und Dialoge wirklich versteht. Etwas, was in unseren Rezensionen auch immer wieder erwähnt wird, was ich auch im Interview mit Tom Schumacher von Disney z. B. angesprochen habe, weil ich nicht nachvollziehen kann, wie man ein so gutes Buch, was die meisten Disney-Stücke ja haben, bereitwillig dadurch kaputtmacht, indem man es von Menschen sprechen lässt, die nicht wissen, was sie da sagen, wo die Betonungen sein müssen. Und das ist ein Stück weit eine kulturelle Verarmung. In keinem anderen Land wäre es dankbar, dass die Rollen von Menschen gespielt werden, die die Landessprache nicht perfekt beherrschen – völlig egal, ob man jetzt englischsprachigen Flaggschiffe wie West End oder Broadway hernimmt oder auch die extrem vitale Musicalszene in Spanien. Überall wird Wert auf Artikulation gelegt.

Und nicht nur, dass so viel sprachliche Qualität verloren geht – es geht insbesondere die Emotionalität verloren, die ein gutes Musical ja hat. Und hier in Zürich, wenn man abends in der kollektiven Menge von Zuschauern faktisch die Tränen herunterlaufen hört, kann man erleben, wie groß die Unterschiede sind zwischen den Produktionen.

RR: Ja, »Billy« ist das beste Beispiel dafür, wie man mit einem Stück viele Generationen erreichen kann. Jeder kann sich in die Emotionen hineinversetzen, versteht, wie es jedem einzelnen der verschiedenen Generationen geht. Alles, was hier gespielt wird, ist doch völlig zeitlos, alles, was hier auf sozialer Ebene gezeigt ist, ist heute nicht weniger aktuell, als es das vor 1984 war. Ein Kind, das sich nicht verstanden fühlt, ein überforderter Vater nach dem Tod seiner Frau / der Mutter seiner Kinder, Billys demente Oma, die Jobkrise, die Angst, was das alles mit der Zukunft macht – gerade diese Punkte sich doch leider zeitaktueller denn je!

blimu: Mit George und alternierend dem Vater haben Sie hier völlig unterschiedliche Akzente, die Sie jeden Abend setzen.

RR: Ja, und am Anfang war es für mich nicht so einfach, mich mal wieder ein in einer Cover-Rolle zu sehen. Aber ich wollte diese Produktion unbedingt machen und im Nachhinein bin ich sogar froh darüber, denn die beiden Rollen sind sehr unterschiedlich, so dass ich für beide Rollen eine ganz besondere Freude am Spielen aufgebaut habe, also auch spezifisch beim Wechsel zwischen diesen Welten. Ich darf zwischen dem lustigen George, den ich komödiantisch voll ausreizen kann, und dann auf der anderen Seite dem Vater mit seiner großen Tragödie hin- und herreisen und beide Figuren immer wieder neu und mit Begeisterung spielen.

blimu: Warum war Ihnen das Stück so wichtig?

RR: Es ist mein Leben, das bin ich, das alles ist so eng an mir und meiner Geschichte, ich glaube nicht, dass ich so ein Gefühl der Nähe zu einem Musical schon einmal hatte. Ich war zwar kein kleiner Junge, sondern schon ein junger Mann, aber mein Vater war in der Stahlbranche und hatte gerade seinen Job verloren, als ich ihm sagte, dass ich Tänzer werden will. Er hat lange gebraucht, bis er das verdaut hat. Wahrscheinlich ging es ohnehin vielen in den 80ern so, da war Ballett einfach nichts »Normales« für einen jungen Mann. Es gab viele Anfeindungen damals, die man ertragen musste. Es war dann alles besser, ein paar Jahrzehnte, jetzt kommt erschreckenderweise eine rückschrittliche Haltung auf uns zu. Die Stage Entertainment hat gerade mehrere Posts gemacht, wo man sich klar gegen rassischste Anfeindungen ausspricht. Und ist es nicht traurig, dass solche Diskussionen überhaupt wieder aufkommen? Künstler sollten nur gut sein müssen, völlig ungeachtet von Hautfarbe, Nationalität, sexueller Orientierung, Geschlecht oder Alter. Wir als Künstler müssen das aber auch untereinander ausleben, wenn wir gegenseitig Gruppen ausschließen, missachten wir die Verantwortung, die wir auch untereinander haben.

blimu: Wie ist die Arbeit mit den Kindern?

RR: Großartig – ich liebe es, es ist jedes Mal eine so große Freude, inmitten von ihnen zu stehen, das Warm-up zu machen, zu proben, sich immer wieder zu verbessern und letztendlich dann auf den Punkt genau die Show abzuliefern. Das sind alles Profis, die mindestens genauso gut sein wollen wie wir Erwachsene! Ich bin ja selbst Vater und ich sehe ja, wie großartig die Arbeit hier geleistet wird, immer im Sinne der Kinder. Und ich glaube, dass hier, in dem ganzen Miteinander, ein echter Mehrwert für unsere Gesellschaft generiert wird. Es wäre auch in Deutschland wichtig, dass man Kindern die Möglichkeit gibt, das alles zu erfahren. Aber wo wir hier drei Kinder haben, bräuchten wir in Deutschland vermutlich 13. Es wird Zeit, dass die versprochene Entbürokratisierung mal kommt und dann eben so wichtige Sachen im Sinne von Selbstständigkeit und Kultur möglich werden, die in Deutschland bisher auf der Strecke bleiben und durchaus immer wieder für Frust sorgen. Dass das alles geht, sehr gut sogar geht, wenn man es nur wirklich will, und dann die Begeisterung auf allen Ebenen entfachen kann, sieht man hier wirklich beispielslos umgesetzt. Hier ist niemand, der nicht möchte, der sich darüber beschwert, dass irgendetwas schwierig ist oder man zu viel proben muss. Vor allem nicht bei den Kindern. Sie lernen hier, was echte Begeisterung für einen Beruf ist – besser kann man nicht für die Zukunft ausbilden!

blimu: Lieber Herr Reschke, vielen Dank für die offenen Worte. Es ist eine Freude, Sie immer wieder auf Ihrem spannenden Lebensweg begleiten zu dürfen!

Interview mit Tino Honegger (Executive Producer) 

Foto: MAAG Moments

blickpunkt musical: Lieber Herr Honegger, »Billy Elliot« ist eine rein privat finanzierte Produktion und ausgerechnet auch noch eine, bei der durch die Ausbildung der Kinder bereits weit im Vorfeld viele Entscheidungen getroffen und hohe Kosten finanziert werden mussten. Um so mehr freut es mich, dass es sich für Sie ganz offensichtlich auszahlt, also im Moment vermutlich vor allem noch künstlerisch. Aber sowohl die Zuschauerzahlen als auch die Auszeichnungen sprechen ja für sich. Sie sind von Anfang dabei, können Sie unseren Lesern kurz erklären, was genau Ihre Aufgaben im Rad der Produktion sind?

Tino Andrea Honegger: Ja, sehr gern. Ich bin Executive Producer, also ausführender Produzent. Meine Hauptaufgaben sind prioritär das komplette Projekt- und Personalmanagement sowie das Erstellen und Überprüfen des Budgets. Ich manage alle Schnittstellen, damit das Projekt organisatorisch, finanziell und personell gut aufgestellt ist und den hohen Anforderungen entspricht. Natürlich mit großer Unterstützung unseres tollen MAAG-Showteams.

blimu: Sie waren früher auch mal Darsteller, d.h. Sie kennen alle Seiten des Theaters.

TAH: Ja, das stimmt. Ich war über 20 Jahre selber auf der Musicalbühne und kenne die Abläufe im Theater in- und auswendig. Ich habe aber sehr früh angefangen, auch eigene Musicals zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen. Vor 5 Jahren habe ich mich entschieden, den Fokus auf das Produzieren von Shows zu legen. Seit 3 Jahren bin ich fix in der MAAG und neben »Billy Elliot« auch für andere Show mitverantwortlich.

blimu: Die letzte Saison war ja in Etappen geplant, erst bis Februar, dann wurde bis Sommer verlängert, dann die neue Saison bekanntgegeben. Ist es dieses Mal wieder so?

TAH: Das finanzielle Risiko bei »Billy Elliot« ist sehr hoch. Die Produktion ist nicht nur anspruchsvoll, sondern auch kostspielig. Das hat vor allem mit den Kindern zu tun, die permanent im Training sind. Das Förderungsprogramm und die Trainings für die Shows laufen permanent. Zudem läuft auch der Castingprozess dauernd. Deshalb müssen wir auch aus finanzieller Sicht schauen, wie lange die Produktion rein finanziell auch tragbar ist. Natürlich wünschen wir uns, dass »Billy Elliot« so lange spielt wie möglich. Eine Wiederaufnahme ist aber immer auch eine Herausforderung, man fängt in vielen Bereichen auch wieder bei Null an. Wir müssen das Publikum auch immer wieder begeistern und motivieren – die Schweiz ist kein Musicalland, Zürich ist keine Musicalstadt. Die Menschen, die hierherkommen, verbinden uns mit der traumhaft schönen Landschaft, den Bergen, dem Zürichsee. Ab nun verbindet man es auch mit »Billy Elliot«, was uns freut.

blimu: Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie denn, als klar vor drei Jahren klar wurde, dass es tatsächlich »Billy Elliot« werden soll?

TAH: Ach, das waren schon einige. »Billy Elliot« ist eines der besten Musicals der letzten Jahre, aber unglaublich anspruchsvoll – in vielen Bereichen. Allen voran im Kids-Management im Hinblick auf Casting, Proben und die komplette Organisation ist das ein großer Kraftakt. Man bedenke, dass wir ca. 50 Kinder haben und somit auch mit fast 100 Elternteilen kommunizieren. Zudem beschäftigte uns anfangs auch die zentrale Frage: Finden wir die Billys in der Schweiz? Man bedenke, dass die Londoner »Billy«-Produktion über 3000 Casting-Anmeldungen erhalten hat – bei uns waren es »nur« 10; jedoch mit unglaublichem Talent, welches wir zu einem strahlenden Diamanten geschmiedet haben. Aber wir sind unglaublich stolz, dass wir es geschafft haben. Unsere Kinder sind wirklich großartig; und ganz ehrlich, sie hätten das Potenzial, in London zu spielen.

blimu: Die Kinder wohnen zum Teil weit weg, sie haben auch nicht alle einen Ballett-Hintergrund und sind natürlich noch voll in den Schulen eingebunden. Wie ist der Alltag mit ihnen?

TAH: Unsere Billys sind mittlerweile wirklich Vollprofis und neben der Schule voll in unsere Produktion integriert. Wir haben wirklich ganz tolle Talente gefunden. Als Beispiel kann ich Leo Lemmerich nennen. Er meistert die Medien-Interviews souverän, geht professionell vorbereitet zur Tanzprobe, danach Warm-up, dann Essen, Maske und Show. Das ist ein voller Arbeitstag und minutiös durchgeplant. Alles neben der Schule! Das Anforderungsprofil ist gigantisch. Es gibt keine Kinderollen im deutschsprachigen Raum, die annähernd so viel abdecken müssen. Bei »Ich war noch niemals in New York« oder auch bei »Mary Poppins« stehen auch Kinder auf der Bühne, aber sie müssen gänzlich andere Anforderungen erfüllen als jemand, der wirklich den ganzen Abend trägt, singt, Ballett tanzt, steppt, spielt etc. Dazu kommen auch noch die Schulen – auch da mussten wir viele Gespräche führen, die erst einfacher wurden, als das Stück dann wirklich lief und die Lehrer:innen und Direktor:innen die Show gesehen hatten, damit sie sich selbst von der hohen Qualität überzeugen konnten.

blimu: Das Stück galt bisher als nicht umsetzbar im deutschsprachigen Raum, als Begründung wurden immer die Jugendschutzgesetze genannt. Sind diese in der Schweiz so viel anders?

TAH: Die Gesetze sind tatsächlich ähnlich, aber in entscheidenden Bereichen gibt es in der Schweiz eine andere Handhabung. Aber grundsätzlich geht es bei Kindern immer darum, dass das Kindeswohl im Vordergrund steht. Die Gesundheit der Kinder, die schulischen Leistungen, die Psyche – wir müssen uns um alles kümmern und das ist auch richtig so. Vor allem, weil es auch in unserer Pflicht ist, die jungen Talente zu fördern und ihnen in tollen Produktionen ihre Plattform zu geben. Beim Sport wird es nicht anders gehandhabt. Grundsätzlich galt für die Realisation unserer Show: Wenn alle an einem Strang ziehen und die vielen wichtigen Einzelteile, z.B. zwischen den Eltern, der Schule und der Produktion, zusammenkommen; dann ist alles möglich.

blimu: Gibt es denn einen Austausch mit deutschen Produzenten? Diese Produktion wäre ja hervorragend auch für andere Standorte geeignet.

TAH: Also natürlich kennen wir uns alle untereinander und tauschen uns aus. Selbstverständlich ist das Wissen, das wir jetzt gewonnen haben, insbesondere rund um die Kinder, extrem wertvoll. Als wir uns entschieden haben, »Billy Elliot« in Zürich auf die Bühne zu bringen, hat unser großer Nachbar Deutschland natürlich auf uns geschaut und gesehen, dass es möglich ist, diese anspruchsvolle Show zu stemmen. Wir werden sehen, ob und wann die Show in Deutschland zu sehen ist. Uns würde es freuen.

blimu: Der Broadway strauchelt gerade enorm aufgrund der hohen Kosten, die im Vergleich zu den Einnahmen stehen. Auch im deutschsprachigen Raum ist dies vermehrt ein Problem. Sie hatten ein Budget von 7,5 Millionen Schweizer Franken, der Zuschauerraum hat »nur« 925 Plätze. Ist es möglich, finanziell gut durchzukommen?

TAH: Naja, es ist eine einfache Rechnung, wie viele zahlende Gäste man braucht. Aber es ist für uns immer eine sehr große Herausforderung. Man bedenke, dass die MAAG nicht subventioniert ist, sondern seit 25 Jahren privat finanziert wird und die extrem hohen Produktionskosten im alleinigen Risiko trägt – mit der punktuellen und wichtigen Unterstützung von tollen Partnern und Sponsoren. An manchen Tagen hätten wir gern ein größeres Theater, da könnten wir dann mehr Einnahmen generieren. Wir wollen auch die Ticketpreise fair gestalten, aber grundsätzlich müssten wir das Doppelte verlangen. Aber wir wollen Musicals für alle zugänglich machen. Wir haben auch den großen Vorteil, dass die MAAG breit aufgestellt ist. Wir zeigen auch hauseigene, immersive Ausstellungen und produzieren außerhalb unseres Theaters. Qualitativ hochstehendes Musiktheater ist unserer Ansicht nach von großer Bedeutung und Wichtigkeit für den gesellschaftlichen Diskurs, das kulturelle Angebot und als Plattform für nationale und internationale Talente.

blimu: Von unserer Seite drücken wir die Daumen, dass diese Produktion noch sehr viel verdiente Aufmerksamkeit bekommt und die Menschen noch lange Abend für Abend emotional so intensiv berühren kann!