»Die Päpstin« feiert umjubelten Tourauftakt im Metronom Theater Oberhausen

  • Magazin
  • 4 Minuten zum Lesen

Noch immer dürfte es für jeden Musicalfan, der auch nur irgendwie nah am Ruhrgebiet lebt, ein echtes Fest sein, dass das Metronom Theater am Oberhausener CentrO endlich wieder große Musicalproduktionen zeigt. Nach der aufwendigen Renovierung ist es jedes Mal aufs Neue eine Freude, dieses Haus zu betreten – wo einst Ensuite-Dauerbrenner wie »Tarzan« oder »Tanz der Vampire« die Massen anzogen, ist nun Limelight Gastgeber für hochkarätige Gastspiele. Nun feierte »Die Päpstin« in Kooperation mit spotlight musicals hier Premiere. Das Stück – zu Recht prämiert und vom deutschsprachigen Publikum heiß geliebt – stellt sich seit der Fuldaer Uraufführung 2011 immer wieder unter Beweis. Vor zwei Jahren durfte es in einer radikalen Neufassung noch einmal ganz neu glänzen und zieht nun erstmals auch die Zuschauer im Ruhrgebiet in den Bann dieses Bestsellerstoffs.

Gil Mehmerts Regiekonzept ist schnell; fast schon filmisch greifen die Szenen ineinander und die Zuschauer werden gekonnt zwischen den verschiedenen Welten auf den Pfaden Ingelheims, Fuldas und selbstverständlich Roms hin- und hergeführt. Und dies alles geschieht mit vielseitigen, wandelbaren Bühnenteilen und echten Requisiten – ganz ohne LED-Wand, schlichtweg dank intelligent gedachten Theaters auf einer Bühne von Christopher Barreca, mit Kostümen von Falk Bauer.

Der erste Akt gehört der mühsamen Menschwerdung gegen alle Widerstände. Den Grundstein legt zu Beginn die elfjährige Fiona als kleine Johanna. Mit erstaunlicher Textsicherheit, klarer Intonation und einem herrlich unprätentiösen Spiel zeichnet sie das Bild eines Mädchens, dessen Wissensdurst stärker ist als die rohe Gewalt seiner Umwelt. Als ihr Vater, der fanatische Dorfpfarrer von Ingelheim, liefert Rudi Reschke ein beklemmendes Porträt patriarchaler Grausamkeit – stimmlich schneidend und kompromisslos in seiner Härte. Caroline Zins setzt als Mutter Gudrun den schmerzhaften, leisen Gegenpol einer Frau, die ihre heidnischen Wurzeln und ihre Tochter vor der Verdammnis zu retten versucht.

Sandy Mölling als erwachsene Johanna verfällt nie in eine übertriebene Karikatur von Männlichkeit. Sie verändert ihre Körpersprache subtil, lässt die Schultern einsinken, den Schritt schwerer werden und führt die Stimme in einer warmen, geerdeten Mittellage. Ihr gesangliches Highlight liefert sie mit ›Das bin ich‹ im zweiten Akt ab: Sie beginnt fast zögernd im Kammerspiel-Ton, um sich dann mit einer entwaffnenden stimmlichen Wucht freizusingen. Doch schon im ersten Akt berührt das gefühlvolle Duett ›Wehrlos‹ mit Dennis Henschel als Markgraf Gerold. Henschel, der die Rolle seit der Welturaufführung wie kein Zweiter verinnerlicht hat, spielt Gerold nicht als glänzenden Märchenprinzen, sondern als kriegsmüden, aufrechten Adligen, der in Johanna vor allem eine ebenbürtige Persönlichkeit erkennt. Stimmlich harmonieren die beiden, Henschels kraftvoller, warmer Bariton fängt Möllings Stimmfärbung wunderbar auf.

Vor der Pause setzt André Bauer als Abt Rabanus Maurus den darstellerischen Ruhepol. Wenn Bauer kurz vor Ende des ersten Akts ›Hinter hohen Klostermauern‹ anstimmt, beweist er großes Feingefühl und darstellerische Erhabenheit – musikalisch ist es eine der schönsten Nummern aus der Feder von Dennis Martin, hier mit spürbarer Hingabe dargeboten.

Nach der Pause herrscht das dekadente Treiben Roms – hier regiert nicht der Glaube, sondern die Gier nach Macht. Rudi Reschke zeigt in seiner zweiten Rolle als hinfälliger Papst Sergius eine darstellerische Wandlung um 180 Grad: Von Gicht und Furcht gezeichnet und ganz auf Johannas heilkundigen Rat angewiesen, verleiht er der Figur eine zutiefst berührende Menschlichkeit.

Als eigentliche Strippenzieher glänzen Frank Logemann als eiskalter Arsenius und Thomas Hohler als sein skrupelloser Sohn Anastasius. Hohler, der mit dieser Produktion ein glänzendes Heimspiel feiert, zeichnet eine schneidende, zynische Figur. Bei ›Zum Ruhme der Familie‹ liefern sich Logemann und Hohler ein packendes Gesangsduell. Hohlers brillante, fast mühelos wirkende tenorale Höhe verleiht der Figur eine gefährliche Leichtigkeit – man hasst diesen Anastasius und bewundert doch gleichzeitig seine rhetorische Schärfe. Als Kurtisane Marioza setzt Anke Fiedler dazu schillernde Akzente: Mit dunklem Timbre und lasziver Bühnenpräsenz macht sie deutlich, dass in diesem Vatikan die Fäden im Verborgenen gesponnen werden.

Der langanhaltende Schlussapplaus zeugte davon, wie begeistert das Publikum diese Inszenierung aufgenommen hat – allen voran dank dieses herausragenden Ensembles. Es ist eine wahre Freude, wenn jede Rolle alters- und typgerecht mit erstklassigen deutschsprachigen Darstellern besetzt ist, die allesamt mit spürbarem Herzblut auf der Bühne stehen. Ein Theatererlebnis, das durch die Intensität des Stoffs sicherlich noch lange in den Köpfen der Zuschauer nachhallen wird.

»Die Päpstin« ist noch bis zum 14. November im Metronom Theater Oberhausen zu sehen und wird danach, in eben dieser Inszenierung, im Dezember nach München (Deutsches Theater) weiterziehen.