Es ist die traurig-schöne und geheimnisvolle Geschichte von Anastasia, der jüngsten Tochter des Zaren Nikolaus II. Entkam sie der Ermordung ihrer Familie und ist sie wirklich die Zarentochter oder nur ein einfaches Mädchen, das sich als Straßenkehrerin im bolschewistischen Russland mühsam ihr Geld verdient?
Mit dem Abschied der Zarenmutter von Anastasia beginnt die abenteuerliche Geschichte. Anastasia erhält von ihrer Großmutter eine Spieldose geschenkt und diese verabschiedet sich mit dem Versprechen, dass sie sich eines Tages in Paris wiedersehen werden.
Kaum ist die Großmutter abgereist, wird beim großen Ball die ganze Familie des Zaren gefangen genommen und ermordet. Wir treffen das Mädchen Anja in St. Petersburg, das jetzt Leningrad heißt, wieder. Oder ist es vielleicht doch Anastasia? Auf jeden Fall suchen die beiden kleinen Gauner Dimitri und Vlad, der als Graf Popov in der Adelsgesellschaft von St. Petersburg bekannt war, ein Mädchen, das sie als Anastasia ausgeben können, um mit ihr nach Paris zu reisen und von der Zarenmutter, Anastasias Großmutter, den ausgesetzten Finderlohn zu kassieren. Und Anja, die inzwischen auch dem Oberst Gleb aufgefallen ist, entpuppt sich als ideale Anastasia.
Gleb, dessen Vater beim Erschießungskommando der Zarenfamilie dabei war, verliebt sich in Anja, und obwohl einige Meldungen darauf hindeuten, sie könne Anastasia sein, ignoriert er das und verfolgt sie nach Paris.
Nach vielen aufregenden Momenten gelingt Anja, Dimitri und Vlad die Flucht nach Paris. Vlad trifft sich mit seiner ehemaligen Geliebten Gräfin Lily, die Hofdame bei der Zarenmutter ist, und überredet sie, Anja der Zarenmutter vorzustellen. Dies soll während einer Ballettaufführung passieren, doch die Zarenmutter ignoriert Anja, woraufhin Dimitri sie heftig beschimpft.
Also lässt sich die Zarenmutter dazu herab, Anja zu besuchen, und hier stellt sich heraus, dass das Mädchen Anja so viel mehr von der Zarenfamilie weiß, als sie jemals nur in Büchern gelesen haben könnte. Die Spieluhr ist der letzte Beweis für ihre Echtheit.
Nachdem die Zarenmutter bereit ist, Anja als ihre Enkelin anzuerkennen, zieht sich Dimitri zurück und lehnt auch noch die Belohnung für ihr Auffinden ab. Als die Zarenmutter dies Anastasia erzählt und ihr sagt, dass sie ihn für einen echten Prinzen im Geiste hält, läuft Anastasia los, um Dimitri zu finden, während Vlad und Lily glücklich vereint sind.
Neben dieser schönen Geschichte gibt es auch viele lustige Momente, so zum Beispiel das Wiedersehen von Lily und Vlad. Lily, die ihn geliebt hat und von ihm bestohlen wurde, will ihn zunächst nicht sehen, doch er schafft es, sie wieder zu erobern. Dabei beweisen besonders Miriam Hernandez Blazquez als Lily und Nikolas Rotschedl als Vlad nicht nur tänzerisches, sondern auch komödiantisches Talent.
Auch Anastasia, gespielt von Jana Kienzle, und ihr Dimitri, Lukas Ringel, sind gesanglich und schauspielerisch hinreißend, und es ist so manches Tränchen geflossen, was auch an der großartigen Musik liegt.
Ebenfalls perfekt für die Rolle der Zarenmutter: Karin Funk, und als Gleb David Kovacs, der zwar einen leichten Akzent hat, der jedoch gut zu der Rolle passt.
Dass man in Stetten das Glück hat, noch eine komplette zweite (oder erste) Besetzung zu haben, ist großartig. Über 80 Mitwirkende stehen Abend für Abend auf der Bühne, unterstützt von einem Live-Orchester mit 30 Musikern unter der Leitung von Peter Pfeiffer und Co-Dirigent Felix Klapproth.
Hier der Vollständigkeit halber die beiden Besetzungen:
• ANASTASIA: Clara Jeutter und Jana Kienzle
• KLEINE ANASTASIA: Elinor Fischer und Anni Happrich
• DIMITRI: Matthias Ahle und Lukas Ringel
• VLAD: Alexander Koch und Nikolas Rotschedl
• ZARENMUTTER: Karin Funk und Irmgard Kühnle-Lange
• GRÄFIN LILY: Maja Entrich und Miriam Hernandez Blazquez
• GLEB: David Kovacs und Colin Weitmann
• IPOLITOVA / IPOLITOV: Amelie Brückner und Armin Schnellbächer
Bereits vor 60 Jahren ist das Theater unter den Kuppeln gegründet worden und hat sich inzwischen mehr als etabliert. Dass 1968 noch eine Tanz- und Ballettschule hinzukam, hat bei »Anastasia« den großen Vorteil, dass es nicht nur eine wunderschöne Szene mit einer großen Spieldose gibt, auf der eine Ballerina im rosa Tutu tanzt, sondern dass auch in der Szene, in der alle das Ballett besuchen, eine richtig schöne Szene aus „Schwanensee“ getanzt wurde.
Die Spieldose wurde tatsächlich erst in der Nacht vor der Premiere fertig bemalt und sieht einfach großartig aus.
Zum ersten Mal war dieses Jahr die Premiere komplett ausverkauft und es waren sogar Gäste von befreundeten Theatern da, so vom Theater im Steinbruch aus Emmendingen, vom Naturtheater Reutlingen und dem Naturtheater Grötzingen.
Eine weitere Premiere ist auch, dass »Anastasia« zum ersten Mal Open Air gespielt wird. Und keine Angst, es wird auch bei Regen gespielt. Außerdem sitzen die Zuschauer überdacht, nur die Darstellerinnen und Darsteller stehen im Regen.
Die vielen schönen Ideen verdankt das Stück Giacoma Minoia, Julia Brückner und Christopher Kreß; das Bühnenbild und den Bühnenaufbau Harald Rehm mit Team. Die wunderschönen Kostüme, die sogar von ein paar Brautmoden-Geschäften aus Stuttgart stammen, haben Nikolas Rotschedl, Linda Dambacher und Gaby Rotschedl aufgearbeitet.
Wer dieses wirklich schöne und gelungene Musical sehen möchte, sollte sich beeilen, denn es gibt tatsächlich nur noch wenige Plätze. Neben »Anastasia« gibt es dieses Jahr für Kinder auch noch »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« und die schwarze Komödie »Eingeschlossene Gesellschaft«.

