Musicals für die treibende Hauptstadt: Bereits vor der künstlerischen Übernahme des Theaters des Westens durch das langjährige Musik- und Produzentenduo Peter Plate und Ulf Leo Sommer (allein unzählige Hits und generationsübergreifende Musik gemeinsam mit der letztes Jahr verstorbenen Sängerin AnNa R als »Rosenstolz«) zeigten sie mit »Ku’damm56« (Premiere im November 2021), wie man das Berliner Publikum ins Theater zieht: mit frischer und doch unverkennbarer Komposition, modernem Tanz und einem spielwütigen jungen Cast, der die individuell gezeichneten Charaktere aus der Geschichte rund um Annette Hess‘ mehrteilige Filmserie aus dem historischen Berlin der 50er/60er Jahre auf die Bühne bringt und die vielen kreativen Ideen der Regie authentisch und berührend umsetzt. Und dem Ganzen wohnt ein ganz spezieller Charme und Zeitgeist inne, der schon den Ku’damm der damaligen Zeit so hart-herzlich, zärtlich-ungestüm, ernst-komisch auf der Bühne wieder zum Leben erweckt hat, sodass es bei verschiedenen Generationen großen Zuspruch und etliche Wiederholungstäter fand, für die das Theater des Westens zu einem zweiten Wohnzimmer wurde.
Das gleiche Gefühl hat man bereits jetzt, nämlich dass hier das nächste Hauptstadt-Musical zum Mitsingen, Mitfiebern und Mitfühlen am Entstehen ist, das einen zurück in die 90er speziell in Berlin versetzt. In sieben Vorab-Singles inklusive Videos und CD-Artwork ist bereits der 90-er-Vibe von Aufbruch, Veränderung, neuer Freiheit, Überforderung und Chaos sowie der musikalische Vibe der Techno-Großstadt zu spüren. Bei der öffentlichen Probe am Mittwoch ist zu Beginn von allen Seiten zu spüren, dass die Presse neugierig auf das Stück ist und Kreativteam und Cast stolz darauf sind, ein Teil dieser Produktion zu sein, und gespannt darauf sind, den geladenen Gästen ihre laufende Arbeit einen Monat vor der Premiere präsentieren zu dürfen. Wer noch nie auf der Probebühne oder bei einer Theaterführung war, lernt nun das kleine Labyrinth des Theaterhauses kennen, für alle anderen ist es ein Wiedersehen dort, wo die Bühnenmagie gemacht wird. Und die ist während der nun circa 30 Minuten dauernden exklusiven Präsentation bereits zu spüren. Die Dialoge wirken natürlich, durch die beispielsweise verschränkte oder versteifte Körperhaltung etwa von Celina Dos Santos als Nina bei der Begrüßung ihrer Mutter werden Beziehungen und Gefühle auch ohne großen Kontext deutlich:
Berlin 1990. Nach dem Mauerfall im November ’89 befindet sich alles im Umbruch; neue Möglichkeiten, das Passieren der Mauer ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen, die Veränderung, die man erst noch begreifen muss oder bereits beim Schopf packt und seine Konsequenzen zieht und abhaut, so auch Mario, der ausreist und sich auf die Suche nach seiner bereits vor dem Mauerfall geflohenen Schwester Nina macht. Beide möchten in der Hauptstadt ein neues Leben beginnen. Sie möchten sich selbst erfahren und wiederfinden und finden Musik sowie den »Konsum Hoffnung«. Dabei handelt es sich um einen besetzten Altbau, deren Bewohner eine wirkliche, sich unterstützende Gemeinschaft bilden und zudem ein Sorgentelefon betreiben. Nina und Mario werden hier akzeptiert und ein Teil der Gemeinschaft. Bis plötzlich Mutter Rosie aus Wittenberg auftaucht, die ihre Kinder unbedingt zurückgewinnen will … doch Mario hat sich in den Tänzer Nando verliebt und Nina hat ebenfalls Pläne: Popstarleben im von Techno dominierten Berlin.
Nach einer persönlichen Begrüßung durch Plate und Sommer, die darüber witzeln, dass sie vor allem Berliner und Brandenburger, aber auch alle Touristen bereitwillig als Musicalpublikum anziehen, und von dem Drehbuch- und Regieduo Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (bereits bei »Die Amme« involviert), geht es auch schon mit der ersten szenischen Einrichtung los. Im vielsagenden und wahrscheinlich auch viel Nostalgie weckenden besetzten Haus »Konsum Hoffnung« begegnen wir den Bewohnern, wie der politischen Aktivistin Doris, die allesamt den ungebetenen Gast, Mutter Rosie, am liebsten wieder wegschicken wollen. Mit Schmerz in der Stimme fordert Steffi Irmen in ihrer Rolle nicht nur ihre beiden Kinder „zurück“, sondern besingt sie auch in einer der nächsten Szenen den Niedergang ihres einst sehr bekannten und ausgesuchten ›Salon Rosie‹, ein Song, mit dem Irmen zeigen kann, was sie draufhat. Während sie Bruno, mit dem sie inzwischen vertraut wirkt, eine Perücke auf den mit einer Strumpfkappe bedeckten Kopf setzt, erzählt sie von ihren berühmtesten Kunden. Bruno ist homosexuell und an AIDS erkrankt. Er erfährt von seinem baldigen Tod und ermahnt sich, sein kurzes Lebensglück zu suchen, das vor allem auf dem Dancefloor liegt: ›Ich werd nicht weinen‹, schauspielerisch und stark von Jörn-Felix Alt dargebracht. Hier wurde Jonathan Huors Choreografiearbeit bereits eindrücklich und schwungvoll zu der im Kontrast zur Traurigkeit des Inhalts poppigen Musicalballade deutlich.
Celina Dos Santos als Nina mit Megaphon ihren Standpunkt vertretend, supercool in kurzen, zerrissenen Jeans und mit roter Mähne, Rosie im Leo-Look, der nächste eher im Hippie- oder Öko- oder einfach 90er-Bunt-Look: Doch hier prallen nicht nur die Kleidungsstile aufeinander. Im Finale der Probenpräsentation wurde der Verständlichkeit halber ein Halbplayback von dem rockenden ›Mein Berlin‹ eingespielt. Die sich zu einer polizeilich beendeten Demonstration entwickelnde Szene ist musikalisch und visuell dynamisch und spätestens jetzt ist jeder in dem Raum gespannt, wie nun die Geschichte weitergeht und wie Spiel, Bühnenbild (hier teilweise durch Platzhalter-Leinwände angedeutet), Tanz und Musik auf der eigentlichen Bühne des Theaters des Westens wirken, wenn alles zusammenkommt.
Außerdem spannend ist, dass es sich bei »Wir sind am Leben« tatsächlich um das erste vollständig von Plate und Sommer selbst entwickelte Musical handelt. Sie betonen, dass das Stück nah an ihrem Leben ist, jedoch natürlich nicht als 1:1-Vorlage zu betrachten sei. Der Pressemappe einer Konferenz im November ist ein Zitat von Plate und Sommer zu entnehmen, das deren Motivation sehr schön zusammenfasst. »Wir sind am Leben« soll werden: »Ein Denkmal. Nicht aus Stein, sondern aus Musik, Geschichte und Gefühl.« Diese Dreifaltigkeit funktionierte bei der Probe schon eindrucksvoll, auch wenn die Probebühne selbst derzeit ein bisschen wie liebenswert organisiertes Chaos aussieht: Zwischen Couch, Stuhl, (bereits in »Ku‘damm 59« effektvoll eingesetzter) Drehtreppe, Telefonschnüren, Perücken und einer Wand voller Taschen ist derzeit noch das Zuhause für Kreativteam und Cast, bis das pulsierende Berlin der 90er Jahre am 21. März zur Premiere auf die große Bühne kommt.

