»Wir wollen die Leute aus der Region auf die Bühne bringen« Interview mit Kevin Somlo und Naris Schnegg

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Die Macher Kevin Somlo und Naris Schnegg von Serotonez Entertainment im Gespräch über den harten Kampf um die Rechte für »Der Besuch der alten Dame« und das Arbeiten fast gänzlich ohne Subventionen.

blickpunkt musical: Schön, dass wir uns heute zusammensetzen können! Wie kam es eigentlich genau zu der Entscheidung für »Der Besuch der alten Dame«? Das ist ja eine Zusammenarbeit bzw. ein Lizenzprodukt der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) – den Aufwand dahinter muss man ja wirklich wollen und vor allem aber auch leisten können.

Kevin Somlo: Wir haben damals nicht lange diskutiert, sondern uns sofort um diese Lizenz bemüht, weil wir das Stück einfach unglaublich cool finden. Es ist ein Schweizer Autor, wir sind eine Schweizer Produktion, hier gehört das Stück einfach zur Allgemeinbildung. Generell finde ich alles, was aus Wien kommt – wie zum Beispiel »Tanz der Vampire« –, wunderbar mystisch und düster. Ich habe unlängst die klassische Theaterfassung von »Der Besuch der alten Dame« gesehen; die war eher auf Comedy ausgelegt. Aber mich faszinieren gerade diese dunklen Elemente, die in der Schweiz ja immer ein Thema sind: dieses Spannungsfeld zwischen Geld, Armut und Moral. Und diese wurden in der Musicalfassung viel stärker herausgearbeitet.

blimu: Aber der Weg bis zur Zusage war vermutlich lang, oder?

KS: Es hat fast ein ganzes Jahr gedauert, bis wir eine Zusage hatten. Das Fundament hatten wir eigentlich schon Ende 2023 komplett vorbereitet.

Naris Schnegg: Für uns war es ein echter Kampf, weil das Stück bisher kaum nachgespielt wurde. Es gab anfangs ein ziemliches Zuständigkeits-Durcheinander zwischen den Lizenzgebern für die Schweiz und Deutschland. Außerdem war es schwierig, die Anforderungen an die Theatergröße zu erfüllen – die meisten freien Theater in der Schweiz haben 150 bis 300 Plätze oder eben direkt 1.500. Die Wiener Verantwortlichen hatten jedoch die strikte Vorgabe, dass unser Saal eine Kapazität zwischen 600 und 800 Plätzen haben muss. Das ist eine verdammt schwierige Zwischengröße. Wir hatten zwar Optionen in St. Gallen oder Luzern, aber wir wollten unbedingt im Dreiländereck bleiben, damit das Projekt regional verankert bleibt. Deshalb heißt unsere Website auch nach wie vor Besuch Basel.

blimu: Sie spielen aber schon auf Hochdeutsch, oder? Mussten Sie textlich etwas anpassen?

NS: Ja, ganz normal auf Hochdeutsch und im Grunde auch in der Originalfassung. Wir haben lediglich ein paar lokale Bezüge eingebaut. Die Wiener Fassung war stark auf Österreich zugeschnitten, mit Begriffen, die hier im Dreiländereck niemand versteht. Aus dem österreichischen »Landeshauptmann« wird bei uns zum Beispiel der »Bundesrat«.

KS: Es gab auch dramaturgische Gründe für Anpassungen. Im Originalskript ist die Frau des Bürgermeisters auffallend jung, woraus sich ein Wortwitz ergibt, weil sie für seine Tochter gehalten wird. Bei uns ist die Darstellerin etwas älter, da würde der Witz schlicht nicht zünden; also haben wir den Text geändert. Die größte inhaltliche Änderung betrifft jedoch die Bodyguards von Claire Zachanassian: Diese Rollen werden bei uns von Frauen dargestellt, obwohl sie laut Stück eigentlich Männer sein müssten.

blimu: Das heißt, Frauen spielen hier ganz klassisch Männerrollen?

KS: Genau, sie müssen auf der Bühne Männer darstellen und auch in der originalen, tiefen Tenor-Lage singen. Also singen die Mädels, so tief sie können, und wir legen die Rollen mit einer leicht humorvollen Note an. So war die Vorgabe: Es dürfen Frauen spielen, aber es dürfen keine weiblichen Bodyguards sein.

blimu: Wie groß ist Ihre musikalische Besetzung bei dieser Produktion?

NS: Wir haben ein Orchester von zwölf Musikern, inklusive des Dirigenten. Zehn war die absolute Mindestanforderung aus Wien. Unser Musical Supervisor hat dann gemeinsam mit Michael Reed diese spezielle 10er-Fassung für uns angefertigt, basierend auf der reduzierten, asiatischen Version aus Tokio, und diese musste erst mühsam wieder in die europäische Originalstruktur zurückgeführt werden. Wir haben das fertige Notenmaterial tatsächlich erst vor wenigen Wochen geliefert bekommen. Was ein absoluter Albtraum war: Die Leute mussten quasi blind zusagen. Unser Dirigent hat vorab einen kurzen Blick darauf geworfen und meinte nur: »Puh.« Ursprünglich war sogar geplant, dass er während des Dirigierens gleichzeitig das erste Keyboard übernimmt. Die Wiener Kollegen haben uns das jedoch sofort ausgeredet: Das sei absolut unmöglich. Sie hätten das in Tokio wohl probiert und seien nach exakt zehn Minuten krachend gescheitert. Die Partitur ist so dicht, dass der Dirigent sich voll und ganz auf die Einsätze konzentrieren muss. Und sie haben (natürlich) recht behalten.

blimu: Wenn wir noch mal an den Anfang zurückgehen: Wie haben Sie beide sich eigentlich als Produktionsteam gefunden? Sie kommen ja ursprünglich beide aus völlig anderen Fachbereichen.

KS: Ich habe ganz klassisch BWL und Volkswirtschaftslehre studiert, war parallel aber immer als Turniertänzer aktiv. Vor zehn Jahren war ich an der Stage School in Hamburg für ein Vorbereitungsjahr. Mir macht es zwar großen Spaß, selbst auf der Bühne zu stehen, aber ich habe schnell gemerkt, dass es mich noch viel mehr reizt, hinter den Kulissen zu agieren und Stücke zu inszenieren. Schließlich habe ich Naris hier in Basel bei einem Laien-Musicalprojekt getroffen, wo wir beide im Ensemble mitgesungen haben.

NS: Ich habe Informatik, Wirtschaftsinformatik und Marketing studiert. Wir decken also die gesamte administrative und strategische Bandbreite ab, die man braucht, um so eine Struktur sauber aufzubauen. Dass wir nicht rein aus der klassischen Theaterwelt kommen, hat sich für uns oft als riesiger Vorteil erwiesen. Bei dem damaligen Ensemble in Basel waren wir beide mit den Abläufen unzufrieden, und wir haben uns irgendwann angeschaut und gesagt: »Komm, wir machen jetzt einfach unser eigenes Ding.«

blimu: Weil Ihr eigener Qualitätsanspruch einfach höher lag?

NS: Genau, weil wir beide sehr perfektionistisch an Dinge herangehen. Bei unserem Ensemble muss jeder durch ein hartes Audition-Verfahren, weil wir ein gewisses künstlerisches Niveau garantieren wollen. Uns interessiert dabei nicht primär das Diplom, sondern die Leistung im Raum und die Zuverlässigkeit. Wir haben uns mitten in der Pandemie im Sommer 2020 mit einem strengen Schutzkonzept durchgekämpft und so Schritt für Schritt unser erstes Musical, »Fame«, auf die Beine gestellt. Danach folgte »Sister Act«, dazwischen eigene Show-Formate, die wirklich sehr erfolgreich liefen, unter anderem eine Art »Toneyz Award Show«, bei der das Publikum live im Zuschauerraum abstimmen konnte. Unser Masterplan sah vor, nach fünf Jahren jedes zweite Jahr ein Musical zu machen. Nun haben wir nach sechs Jahren bereits vier große Musicals produziert. Es ging dann eben doch alles wesentlich schneller als gedacht. Hilfreich ist dabei sicher auch, dass wir sehr gut vernetzt sind – wir sind im Verein Show Szene Schweiz (der den Prix Walo, den größten Unterhaltungspreis der Schweiz, vergibt) und Kevin ist Mitglied der Deutschen Musical Akademie und Juror beim Deutschen Musical Preis. So konnten wir u. a. auf Preisverleihungen schon sehr viele Kontakte knüpfen.

blimu: Ein solches Projekt muss man sich finanziell und organisatorisch auch erst mal leisten können. Stemmen Sie das finanziell komplett allein oder greift Ihnen die Stadt Basel unter die Arme?

NS: Wir haben immer mal das Glück, einen kleineren Sponsor zu finden, aber gute 95 Prozent unserer Kosten müssen wir komplett ohne Subventionen decken. Wenn man sich bei den offiziellen Kulturräten bewirbt, bekommt man immer die gleichen Begründungen zu hören: Entweder ist der Budgettopf erschöpft oder die Produktion sei »zu professionell« für den einen Topf und gleichzeitig »nicht professionell genug« für den anderen. Meistens läuft es darauf hinaus, dass es ihnen schlicht »zu sehr Musical« und zu poppig ist. Das Genremusical wird bei uns politisch kaum gefördert, das staatliche Stadttheater dagegen massiv. Wir finanzieren uns derzeit fast ausschließlich über die Eintrittsgelder.

blimu: Dass das Musical in der Schweiz so wenig anerkannt ist, ist also mindestens genauso ein großes Thema wie in Deutschland?

NS: Absolut. In der Schweiz ist es im Kulturbereich unheimlich schwer, sich zu 100 Prozent auf die Kunst zu fokussieren, weil fast jeder gezwungen ist, sich ein zweites Standbein als Backup aufzubauen. Das ist ein fundamentaler Unterschied zu Deutschland. Das Phänomen haben wir in der Schweiz ja sogar im Spitzensport, wo selbst Fußballprofis nebenher noch normale Bürojobs haben. Unsere Musiker kommen teilweise direkt von staatlichen Theatern, sehr viele unterrichten zusätzlich nebenbei an Musikschulen. Da muss man in der Probenphase akribisch genau schauen: Wann sind dort Ferien, wie bekommt man die Pläne koordiniert? Wenn man das nicht extrem frühzeitig plant, steht man am Ende ohne Orchester da.

blimu: Sie haben am Anfang erwähnt, dass Ihnen vor allem die Qualität der Menschen hinter, vor und auf der Bühne am wichtigsten ist, weniger die Ausbildung. Sie haben, wenn man auf die Cast- und Kreativliste schaut, tatsächlich nur Schweizer im Team – und das, obwohl es in der Schweiz gar keine »richtige« Musicalausbildung gibt.

NS: Ja, das ist tatsächlich ein Problem in der Schweiz. Alle, die Musical machen wollen, also vor allem natürlich als Darsteller, müssen die Schweiz erst einmal verlassen und woanders studieren. Ob sie dann zurückkommen, ist immer fraglich. Uns ist aber sehr wichtig, dass wir hier bei unserer Produktion wirklich mit Menschen aus unserer Region arbeiten. Wir wollen damit ja spezifisch auch den Standort Basel als Musicalstadt stützen – und das natürlich nicht nur in der Außenwirkung für die Zuschauer, sondern auch für die Innenwirkung von Musicalmenschen, die in den Berufen rund um eine Produktion arbeiten wollen.

KS: Da wir in Lörrach spielen werden, haben wir uns ja ohnehin schon im Rahmen des Dreiländerecks geöffnet. Bei »Sister Act« kamen damals sogar Reisebusse aus Stuttgart; selbstverständlich hoffen wir, dass so ein Andrang auch dieses Mal wieder entstehen wird.

blimu: Vielen Dank für das offene Gespräch! Wir wünschen Ihnen viel Erfolg für die kommenden, sicher noch sehr herausfordernden Wochen und selbstverständlich Toi, Toi, Toi für die anstehende Premiere!